Xanthippi

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      Sie kommt mich, seit ich denken kann, immer mal wieder besuchen, die schwarze Dame mit Hut und Schleier, neuerdings raucht sie auch Zigaretten mit Spitze, ganz lasziv und gelangweilt guckt sie mich an und durch mich hindurch....

      Früher hatte ich keine Ahnung, wann sie denn nun schon wieder bei mir auf der Matte steht und einfach durch meine Glastüren hindurch in meinem ganz privatem Seelenzimmer Platz nimmt, ohne darauf zu warten, bis ich ihr höflich einen Platz anbiete..
      sie hat nicht viele gute Manieren, sie benimmt sich so, wie es ihr am besten gefällt, was ich davon halte, scheint sie nicht im geringsten zu Stören oder zu Beeinflussen.. was hat mich das früher zur Weißglut gebracht, dieses ewig schwere, gleichgültige, respektlose Verhalten ihrerseits meiner Person gegenüber, die immerhin körperlich anwesend war.....seelisch war ich meistens nicht so ganz da....ich weiß nicht mehr, wo genau ich da eigentlich war, jedenfalls nicht ganz bei mir...
      das hat sie wohl ausgenutzt, oder sie wußte es schon vorher, schon immer, wie Menschen in meiner Verfassung so drauf sind und das es da total keinen Unterschied macht, ob sich eine schwarze Dame ihres Alters? ich glaube, sie ist irgendwie alterslos, so scheint es mir heute, ob sie sich nun ausgesprochen höflich oder total gleichgültig mir gegenüber verhält. Vielleicht behandelt sie ja ihre andere Kundschaft genauso gleichmütig bis respektlos, wer weiß das schon so genau.
      Stelle ich ihr zuviele Fragen, d.h. wenn ich überhaupt an solchen Besuchstagen in der Lage dazu bin, großartig Fragen zu stellen, weil ich mich meistens sehr geschwächt und sehr müde fühle, dann kann es mir passieren, dass dieses Luder mir zwischen den Zeilen einfach ihren ausgeatmeten Rauch frech ins Gesicht bläst... wie gerne würde ich ihr dafür eins in die Fresse geben....aber irgendwie bin ich just in solchen Momenten dazu nicht mehr in der Lage.....ich muß es hinnehmen, nehme es hin und denke mir: warte, Du Luder, eines Tages kommt die Revanche für all Deine fiesen Respektlosigkeiten.....dann lächelt sie immer so blöde, als ob sie meine gerade gedachten Gedanken auch tatsächlich lesen könnte.....ein Scheiss-Spiel aus Verwirrung, Wut und Impertinenz, das wir da zusammen spielen....Am besten komme ich mit ihr zurecht, wenn ich sie einerseits zur Kenntnis nehme, sie andererseits aber einfach ignoriere, das gelingt mir natürlich nicht immer, denn sie ist schon sehr anwesend, das kann man einfach nicht Leugnen, denn sie kommt immer, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche......nur den Zeitpunkt, den kann und konnte ich mir noch nie selber aussuchen.....Das scheint sie natürlich längst zu wissen, denn sie hat an solchen Besuchstagen scheinbar NICHTS besseres vor, als bei mir in meinem Zimmer rumzulungern und irgendwie an mir zu kleben....ich rieche ihr süßliches Parfum, eine leichte Mischung von Nikotin schwingt darin mit, und ich rieche Puder, nein keinen Babypuder sondern Puder wie Frauen ihre Gesichter damit abtupfen, um nicht zu glänzen, nehme ich mal an....die Dame ist nicht sehr groß aber sehr präsent und sie hat Zeit...ich glaube, sie nimmt sich sehr viel Zeit für ihre Kundschaft, das zeichnet sie irgendwie aus, sie hat das perfekte Outfit, schwarz, die dunklen Haare sehr wahrscheinlich hochgesteckt, den Schleier tief über das Gesicht gezogen und diesen kleinen, fast kecken Hut, an dem der Schleier befestigt ist, mehr ist von ihrem Gesicht für mich nicht zu erkennen.
      Sie spricht nicht viel, bewegt sich langsam und nach einiger Zeit streift sie ihre Stöckelschuhe ab und legt die Beine auf meinen Tisch, ist das zu Fassen? Sie wohnt hier nicht und fühlt sich doch wie zuhause. Ich will sie nicht mehr hier haben, nicht mehr in meinem Seelenzimmer, von mir aus, soll sie der Teufel holen, ich werde einfach nicht mehr da sein, wenn sie kommt.... wird sie trotzdem auf mich Warten?

      [Edit: Titel nach Regeln des Gedichteboards geändert / Fylgja]
      Heute bin ich tolerant mit mir. Davon ausgehend übe ich angemessene Toleranz gegenüber anderen. Selbst Gott kann die Vergangenheit nicht ändern -Agathon

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      Für meine über alles geliebte Berner Sennenhündin Sheila

      Du wirst bald 9 Jahre alt, für eine Berner Omi wie Dich, ein ganz passables Alter. Die Haare an Deinen Öhrchen sind schon mit grau durchzogen, fast genauso wie bei mir, nur sind meine Haare mehr auf dem Kopf grau.
      Ich mußte mich sehr schweren Herzens von Dir trennen, weil Du sehr krank geworden bist und ich den Tierarzt nicht mehr bezahlen konnte und wollte. Tierkliniken und Tierärzte sind wahre Halsabschneider, mein Schatz, das muß ich echt an dieser Stelle auch mal loswerden. Statt Deine Leiden zu verkürzen, wollten sie Dir noch eine neue Hüfte und dann noch eine andrehen, ob Du aber die schwere OP überhaupt überlebt und ertragen hättest können, hat diese Idioten und Halsabschneider nie wirklich interessiert.
      Aber mich und ich fühlte, dass Du einen neuen, sehr ruhigen Platz und neue, sehr liebevolle Pflegeleute brauchen würdest um überhaupt noch ein paar Jährchen, schmerzfrei und mit viel Kleingeld und Geduld am Leben gehalten werden zu können. Das hast Du Dir nämlich echt verdient. Du hast uns soviel Freude bereitet in all den Jahren. Es war eine sehr schwere Entscheidung Dich dann, endlich und mit viel Herzeleid gehen zu lassen, Dich einfach an andere Menschen, die zwar sehr lieb zu Dir sind, aber es sind halt andere und neue Menschen, die Du erst kennenlernen mußt und die sich Dein Vertrauen erst langsam erarbeiten und verdienen müssen. Das wissen diese neuen Leute aber und sie haben selber schon ältere Berner, die auch mit gesundheitlichen Macken zu kämpfen haben. Doch im Gegensatz zu mir, verfügen diese neuen Menschen über sehr viel mehr Geld, das ich nicht habe, um Dich ständig zu den verhassten Tierärzten zu bringen, Geld, die Physiotherapie und Unterwassermassage für große Hunde nunmal kosten. Auch die Kraft hatte ich am Ende nicht mehr für Dich alleine zur Verfügung, Du weißt, ich mußte Dein schwerstkrankes Herrchen sehr viele lange Jahre pflegen. Du hast uns begleitet und uns all Deine Liebe geschenkt, dafür sind wir Dir auf ewig dankbar. Ich habe aus Liebe zu Dir diese schwere Entscheidung getroffen, weil ich Dir nicht mehr gerecht werden konnte und das hat mich sehr geschmerzt und tut es immer noch.
      Dir geht es jetzt bald wieder besser und die neuen Leute lieben Dich sehr, das sehe ich und das lese ich fast täglich über Dich. Behab Dich wohl, mein Berner-Engel, bis wir uns alle wiedersehen. Servus.
      Heute bin ich tolerant mit mir. Davon ausgehend übe ich angemessene Toleranz gegenüber anderen. Selbst Gott kann die Vergangenheit nicht ändern -Agathon