Angepinnt Umgang mit traumatisierten Anteilen einer multiplen Persönlichkeit

      Umgang mit traumatisierten Anteilen einer multiplen Persönlichkeit

      Hallo,

      ein Thema, was mir sehr am Herzen liegt und weswegen ich einen Thread eröffnen möchte.
      Wichtig: das soll keine Anleitung sein, die man 1:1 immer übernehmen sollte. Eher Denkanstöße, Gedanken, Ideen.

      Es geht im weitesten Sinne um das Thema Umgang mit Flashbacks/Traumata, im engeren Sinne um traumatisierte Anteile multipler Persönlichkeiten.






      Vorsicht: es kann unter Umständen triggern!






      Eine Multiple Persönlichkeit (korrekter: Dissoziative Identitätsstörung) ist ein empfindliches System, welches auf das Überleben ausgelegt ist. Damit eine dissoziative Identitätsstörung entsteht, müssen Betroffenen in ihrer Kindheit extrem belastende Traumata ausgehalten haben; Traumata, bei denen sie Todesangst hatten. Damit sie diese Gewalterfahrungen überleben konnten, mussten sie sich aufspalten. Die Spaltung und zum Teil auftretende Amnesie sind Schutzmechanismen.
      Durch die Aufspaltung wurde erreicht, dass ein anderer Persönlichkeitsteil relativ unbelastet den Alltag leben und erledigen kann. Ein multiples System funktioniert also vor Allem dadurch, dass es ein empfindliches Gleichgewicht zwischen belasteten und unbelasteten Anteilen gibt. Auf dieses Gleichgewicht zu achten ist enorm wichtig, auch in einer Therapie, noch mehr, wenn man kein Therapeut sondern nur Angehöriger ist und eigentlich gar nicht so wirklich weiß, was da eigentlich los ist und wieso.

      Nicht selten sind die traumatisierten Persönlichkeitsanteile täteridentifiziert, das heißt: um mit der Gewalterfahrung und der eventuellen Paradoxie, dass ein geliebter Mensch ihr Gewalt antut, zurecht zu kommen, müssen sich Anteile unter Umständen mit dem Täter identifizieren. Das Ergebnis ist nicht selten, dass sie dann sagen, dass es schon okay war, dass der Täter nur lieb sein wollte, dass sie es verdient hätten etc. pp. Diese Einstellung kann hilfreich sein, das Unverständliche und Paradoxe besser auszuhalten.

      Natürlich braucht es Jahre, um mit solch einer Erfahrung umgehen zu können. Bei multiplen Systemen ist es besonders kompliziert, und darum geht es mir hier. Es kommt nicht selten vor, dass ein traumatisierter Anteil hier im Forum schreibt. Für mich hat sich am Anfang die Frage gestellt: wie damit umgehen? Ich habe viel gelesen (bei Gelegenheit hänge ich noch einen Auszug auf einem Buch an) und ein paar Antworten gefunden. Und diese würde ich hier gerne schreiben, weil es unter Umständen für ein System gefährlich werden kann, wenn es aus dem Gleichgewicht gerät.

      Reden ist gut und reden ist unglaublich wichtig. Wenn ein traumatisierter Anteil reden und erzählen möchte, ist das immer ein Zeichen dafür, dass er kämpft, dass er leben möchte, dass er etwas verändern und dass er Hilfe möchte. Aber als Angehöriger muss man vorsichtig sein. Wie viel ist gut, und was geht zu weit?
      Wichtig ist immer, dass der Anteil sich bewusst ist, dass er in Sicherheit ist (wenn er es denn ist). Über das Trauma reden, kann hilfreich sein, aber es kann auch zu einem Drahtseilakt werden. Zum Einen kann es zu Retraumatisierungen kommen: durch Reden kann das Trauma noch realer werden, es kann intensiver werden und dadurch den Anteil noch mehr belasten. Wenn er dann keine Techniken kennt, kann er das System durch autoaggressive Handlungen gefährden. Und wenn ein Anteil im "Chaos" ist, dann wirkt sich das auch auf den Rest aus. Darum bitte immer generell aufpassen: wie viel reden ist gut, und wann ist es besser, den Anteil bei einer Stabilisierung zu unterstützen. Ist es besser, wenn man ihm schreibt, dass alles gut ist, dass es vorbei ist, oder ist es besser, wenn man ihn erzählen lässt? Es ist ein Drahtseilakt, dafür gibt es keine Patentlösung. Es ist nur wichtig, dass man vorsichtig ist.
      "Gefährlicher" ist es, wenn der Anteil täteridentifiziert ist. Wie vorhin erwähnt: er musste sich identifizieren, um irgendwie das Erlebte aushalten zu können. Wenn man ihn nun zum Beispiel sagt: "Nein, der Täter war der Böse, er wollte nicht lieb zu dir sein.", dann kann es sein, dass man den Anteil in ein unglaubliches Chaos stürzt. Der notwendige Schutzmechanismus bröckelt, alles wird in Frage gestellt, alles wird unsicher. Die Strategie, mit derer Hilfe er überlebt hat und was es ihm leichter gemacht hat, es auszuhalten, fällt plötzlich. Zu was für einer extremen Belastung und möglichen Retraumatisierung das führen kann, muss ich nicht ausführen...
      Ein "Risiko", das wohl für beinahe alle Traumatisierten gilt. Täter sichern sich in der Regel ab, und wenn es nur die typischen Wort sind: "Wenn du es jemandem sagst, passiert was Schlimmes/dann hat dich keiner mehr lieb/..." Es kann also allein das Schreiben, dass etwas war, bei einem Anteil eine enorme Angst auslösen. Mögliche Folgen wären dann wieder autoaggressive Handlungen und ein Chaos, das das ganze System zu spüren bekommt und den Alltag, dieses empfindliche Gleichgewicht, ins Schwanken bringt.
      Ein Punkt, der unbedingt angesprochen werden muss (danke L. für's drauf aufmerksam machen ;)) sind die Innenkinder. Es ist besonders heikel, wenn ein Innenkind von einer traumatischen Erfahrung schreibt. Kinder können sich nicht stabilisieren, ihnen fällt es schwerer, Vergangenheit und Gegenwart zu unterscheiden und sind in der Regel labiler. In solch einem Fall versuche ich immer, das Thema sanft auf ein beruhigendes zu wechseln oder dem Kind zu versichen, dass alles gut ist. Aber über das Trauma reden und dadurch eine Intensivierung der Gefühle zu provozieren ist vermutlich in jedem Fall viel zu viel für den kindlichen Persönlichkeitsanteil.
      Zuletzt eine Ausnahmesituation, die aber auch immer bedacht werden sollte. Es kann sein, dass der Betroffene nach wie vor Täterkontakt hat und dass es immernoch Übergriffe gibt. In dem Fall könnte es gefährlich sein, dem Betroffenen zu raten, er solle sich wehren. Es kann natürlich sein, dass das genau das Richtige ist, dass es dann endlich aufhört. Aber es kann auch sein, dass der Täter dann richtig wütend wird und das kann für ein System gefährlich werden. Das ist ein Ausnahmefall, klar. Aber sowas sollte man im Hinterkopf behalten. Dass es im Ernstfall immernoch eine reale Gefahr gibt, die eine Persönlichkeit nur überstehen konnte, indem sie sich aufspaltete.


      Wenn ein traumatisierter Anteil hier im Forum schreibt, dann überlegt bitte genau, was und wie ihr antwortet. Scheint er Täteridentifiziert? Dann wäre es besser, gar nichts zu dem Trauma zu sagen sondern sich darauf zu beschränken, ihm zu vermitteln, dass alles gut ist, dass er in Sicherheit ist etc..
      Wenn er erzählen möchte, ist das okay, aber auch da muss man aufpassen, was man fragt und wie man fragt und ab wann man dem Anteil eher schadet. Das gilt für jeden Traumatisierten. Traumata sollten in der Regel in einer Therapie behandelt werden, denn die Gefahr, dass die Erinnerung zu intensiv wird und der Betroffene retraumatisiert wird, ist immer groß. Oft ist es bestimmt erleichternd, einfach zu schreiben und mal alles loszuwerden. Das kann sehr, sehr gut tun. Aber bittet achtet auf euch. Achtet auf euch, wie viel ihr aushaltet, was euch noch gut tut und was euch schadet. Und wenn jemand merkt, dass das Thema vielleicht zu sehr belastet, dann stabilisiert vorerst, beruhigt und schiebt es lieber wieder weg. Nicht verdrängen, aber wegpacken, damit es in einem sicheren Rahmen, wo man aufgefangen werden kann, bearbeitet wird.


      Wenn sich jemand diesbezüglich weiter informieren möchte empfehle ich "Mutiple Persönlichkeiten" von Michaela Huber. Vor Allem die Kapitel für Angehörige finde ich lesenswert.
      Wenn noch jemand andere Bücher kennt, gerne hinzufügen :).

      Danke und liebe Grüße

      sur


      edit: Thema Innenkinder hinzugefügt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von „Ch'aska Quyllur“ ()

      Das war mal ein wirklich sehr hilfreicher Beitrag :) . Danke Schall&Rauch, über genau soetwas habe ich mir schon ab und an den Kopf zerbrochen. Ich denke, es ist hilfreich, dass man diesen Thread (vielleicht gerade im Trigger-Unterforum) festpinnt, um jedem klar zu machen, auf welch dünnes Eis man sich bei Traumatisierten begibt/begeben kann.

      lg
      Plüsch
      Von mir auch vielen Dank dafür. Das ist wirklich hilfreich.
      Doch mir kommt auch sofort die Frage, ob man das so nicht auch für alle anderen traumatisierten User festmachen kann??????? Denn eigentlich bezieht es sich ja nicht nur auf die traumatisierten Teile eines multiplen Systems, oder?
      Oder muss man da doch noch differenzieren in diesem Punkt?
      "Auschwitz beginnt da, wo einer im Schlachthaus steht
      und denkt, es sind ja nur Tiere."

      Theodor W. Adorno
      Nein, da hast du recht, Feejaa. Ich schrieb bewusst zu Anfang:

      Es geht im weitesten Sinne um das Thema Umgang mit Flashbacks/Traumata, im engeren Sinne um traumatisierte Anteile multipler Persönlichkeiten.


      Ich wollte es nur am Beispiel eines multiplen Systems veranschaulichen, da da die Situation meiner Meinung nach noch etwas heikler ist, da das System, wenn es ins Ungleichgewicht kommt, zusammenbrechen kann.
      Man kann das gut und gerne auf jeden Traumatisierten übertragen, wobei dann eben der Aspekt der Anteile rausfällt. Wie gesagt - bei einer DIS m.E. noch etwas heikler und mit mehr Vorsicht zu betrachten. Darum speziell darauf bezogen, aber natürlich auch allgemein zu sehen/verstehen.
      Liebe Schall&Rauch,

      finde deinen Post super! Ich hab hier im Forum schon mehrere Threads von multiplen Anteilen gelesen und wusste oft nicht, was ich sagen kann/darf, was mich dann immer davon abgehalten hat, auf ebendiese Threads zu antworten.

      Auch zum allgemeinen Verständnis trägt dein Text wirklich bei. Dass das System von einem Gleichgewicht zwischen den Anteilen abhängt etc...wirklich sehr informativ!

      Vielen Dank nochmal!

      Eve
      Es ist nicht so,
      dass ich jetzt nicht mehr kann
      denn irgendwann
      fängt etwas neues an




      mit mehr Belang.
      ...und ich finde es nochmal wichtig, zu betonen, dass das für _jeden traumatisierten menschen gilt. und eigentlich auch für menschen die nicht traumatisiert, sondern schlicht momentan instabil sind.

      nicht nur ein system kann unter umständen zusammenbrechen, das kann wirklich jedem (psychisch angeschlagenen) menschen passieren - und eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass man sich gedanken dieser art macht, bevor man auf ein topic antwortet.

      versteht mich nciht falsch, ich sage nicht, dass im umgang mit mps nicht besondere vorsicht gefragt ist - nur, dass man im umgang mit anderweitig verletzlichen menschen definitiv genau so vorsichtig sein sollte...

      tng
      oh, I've felt that fire and I have been burned,
      but I wouldn't trade the pain for what I've learned, I wouldn't trade the pain for what I've learned.
      Pennies in a well, a million dollars in the fountain of a hotel, fortuneteller that says 'Maybe you will go to hell.'
      But I'm not scared at all by the cracks in the crystalball
      phae hat Recht. Das sollte ganz allgemein aufgefasst werden...und macnh einen vll ein bissel mehr Sensibilität nahe legen.
      (Keine persönliche Sache,manchmal les´ich nur Antworten,die mir schon grenzwertig erscheinen. Geht vorsichtig mit Mit-Membern um!)
      Der Beitrag ist zwar schon was nen bissl älter aber da will ich nen bissl was, ganz klein wenig sagn... ;)

      Es ist gut das ihr die Menschen / Forenschreiber so beschützt und immer erst ma was aufklärendes schreibt ^^
      Denke auch das es allgemein mit Vorsicht zu schreibn ist, bei allen teilnehmern denn ein jedr am andern Ende kann wenig stabil sein...

      Bitte auch nich zu vergessn das jeder Mensch und jedes System anders sein kann, diverse erklärungen und erkläuterungen treffn nicht auf alle zu. Daher auch damit nen bissl Vorsichtig umgehn. also den Beitrag schon annehm abr nich als "Leitlinie" sehn....so wie alle menschn ebn verschiedn sin....

      hab nen bissl was Übersprungn...beim lesn...sorry ging grad nich ander, bei gelegenheit wenns bessr klappt werd ich da noch ma drüber pegeln.... :) aber will da ich nu nich weiß obs im txt stand was zu den T*t*rindetifizierenden schreibn:
      Es gibt auch "Anteil" die durch Auslöser andere Personen selbst triggern, so das die eigene Innenpersonen sich gegenseitig triggern. Soll heißn durch nen Auslöser von außen (Geruch, Musik, Menschen, Bilder, Texte,...) wird eine Täteridentifizerende P. aktiviert die dann aber nur andere Personen triggern in dem Auslöser/ lösende Situatiuonen provoziert werdn...die dann wiedr andere "Anteile" auslösn die sonst genau den moment dann da warn...die durchlebn dann im schlimmsten fall immr wiedr die situation (flashback)... ;(
      is nen bissl schwierig zu erklären...aber wie soll ma auch so was verständlich rüber bring...kann mich da immer schwer ausdrückn....

      Zum Buch von M.Huber mal eben noch, hab das auch ma in den Händen gehabt, für alle da draußen das Buch ist mit Vorsicht durchzublättern zu gut und kurz es triggert. bzw kann~ :pinch:

      Trotzdem möcht ich auch danke für den Beitrag sagn...denn selten liest man so viel "einfühlungsvermögen"- ^^

      Danke sagt blueprint ^^
      meina beiträge basieren auf vermutungen un gedanknverknüpfungn die so sein kön aba nich sein müssn!
      @all Schreibstil ein versuch dr. erklärug ;) @all a nice smile :P bis die tage 8)
      auch wenn der thread schon alt ist - und sehr gut erklärt, wie ich finde - möchte ich noch gerne etwas anmerken.

      Diese Information ist für User, die noch nie mit DIS konfrontiert wurden. Mich hat das nämlich damals sehr verwirrt.

      Wenn eine person (die sich selbst möglerweise nicht als multipel bezeichnet, da sie möglicherweise gar nichts davon weiß oder sehr daran zweifelt), plötzlich ganz eigenartige beiträge schreibt, zum beispiel ganz schreckliche rechtschreibung und grammatik, texte die man laut vorlesen muss um sie überhaupt zu verstehen weil sie sozusagen in lautsprache geschrieben sind, oder texte die sehr verwirrt wirken, dann heißt das nicht unbedingt, dass die person gerade alkoholisiert oder unter drogen schreibt.

      Kann, muss aber nicht. Meist merkt man das, wenn man es aufmerksam liest, bzw. muss man sowieso mit einer verstörten alkoholisierten person auch vorsichtig umgehen.

      Aber manchmal sind das auch innenkinder, teilweise traumatisierte oder unsichere.

      Also ist die frage, ob die person betrunken oÄ ist nur sehr vorsichtig oder gar nicht zu stellen. Wenn man unsicher ist, kann man sanft fragen, wie alt die schreibende person ist, die antwort gibt oft viel aufschluss.

      Wenn man antworten möchte, dann so als würde man mit einem verstörten kind reden - einfache sprache, liebevoll und sich versichern, dass man die aussage richtig verstanden hat und nicht vielleicht einen ratschlag gibt, der in der situation schlecht ist und den das kind beherzt und vielleicht sogar sehr verinnerlicht.

      Wenn man unsicher ist - das habe ich vor allem anfangs gemacht - erst mal gar nicht antworten, sondern warten, bis jemand anders geantwortet hat, der vielleicht schon etwas erfahrung damit hat und sich daran orientieren. Wenn es sehr dringend klingt vielleicht auch jemanden dem man das zutraut darauf aufmerksam machen, per PN beispielsweise.

      Ich hoffe, ich mache mit diesem beitrag nicht so viel angst vor schlimmen konsequenzen wenn man was falsches sagt, dass sich keiner mehr antworten traut, oder so. So ist es nicht gemeint.

      Es geht mir nur darum, als ich noch neu hier war habe ich einige solcher beiträge gelesen und war sehr sehr verwirrt/verstört. Ich wusste mit 15 nichts über DIS oder innenkinder. Und darum dieser Beitrag für User, die nicht wissen, woran man so einen Beitrag erkennt und was man damit macht. Das finde ich fehlt nähmlich oben.

      Natürlich darf das gerne noch von jemandem der sich noch besser damit auskennt modifiziert und oben eingefügt werden, falls das gewünscht ist. (oder auch gelöscht, falls es für kontraproduktiv gempfunden wird, ich will ja nur helfen, nicht schaden)
      Ich habe begonnen mich zu verletzen, weil ich zeigen wollte, dass ich am Boden bin.
      Dann erkannte ich, dass das Leben einen doppelten Boden hat.


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