Nunki

      Es war einfach eine Lüge.
      „Natürlich will ich gesund werden.“ Gelogen.
      „Natürlich will ich mich nicht mehr verletzen.“ Gelogen.
      Zumindest empfand Schwarz das so. Aber sie wurde ja nicht gefragt. Nein, die anderen hatten ihr diese Sätze auferlegt, waren sogar einigermaßen überzeugt davon. Dass sie dabei Schwarz‘ Todesurteil unterschrieben, war denen doch vollkommen egal.
      Sie wollten ihr das Einzige wegnehmen, was sie hatte. Was sie ausmachte. Die Dunkelheit. Eigentlich hoffte sie, dass Rot ihr zur Seite stand und sie unterstützte, aber seit einiger Zeit hielt sie sich ziemlich zurück. Also musste sie allein dadurch, wie schon so oft. Dabei machte es ihr Angst, so allein zu sein. Sie wusste nicht, wie sie sich hätte ausdrücken sollen, wenn sie jemand ansprach. Wie sie sein konnte, wer sie war, ohne mit Ablehnung gestraft zu werden. Ohne das Gefühl zu haben, unerwünscht zu sein und alles falsch zu machen.
      Dabei gab es Dinge, die sie richtig gut konnte. Schreiben, zum Beispiel. Aber nichts, was die Anderen je hätten sichtbar werden lassen. Nichts, was Alltagstauglich wäre. Nichts, für das sie je Anerkennung bekommen würde. Und Beschützen konnte sie, vor Ent-Täuschungen bewahren, ablenken. Das war sogar ihre Bestimmung, davon war Schwarz überzeugt. „Gebt mir nur eine Klinge in die Hand, und ich werde es beweisen…“ dachte sie grimmig. Nein, sie dachte es nicht, sie schrie es. Laut, kreischend, so dass ihr Hals weh tat und ihr Tränen über das Gesicht liefen.
      Die Anderen hörten nur ein leises Flüstern. Und logen. „Natürlich will ich mich nicht mehr verletzen.“
      Flügelwesen
      ...komm nicht auf Scherben zum stehn....

      Andreas Bourani

      Mit Unwillen, ja Abscheu, sah sie das Kostüm an, das sie am Freitag achtlos in eine Ecke geworfen hatte. Zerknittert lag es am Boden, zusammen mit ihren Plänen und ihrer Hoffnung. Es passte ihr nicht so richtig. Schien viel zu eng, unbequem.Und es war kein Superheldenkostüm, welches seinem Träger allein durch sein Überstreifen zu Superkräften verhalf. Ganz im Gegenteil. Es war so dünn, dass jeder Angriff direkt zu ihr hindurch drang und eine heftige Verletzung hinterließ. Und die konnte sie nicht ausziehen und in eine Ecke schmeißen.
      Damals hatte sie es mit Begeisterung angezogen, als man es ihr hingehalten hatte. Es war so neu, so glänzend, so verheißungsvoll. Die Erwartungen, die daran geknüpft waren, hatte sie abgetan und sich blenden lassen. Als würde dieses Kostüm einen anderen Menschen aus ihr machen, ihr die auferlegten Aufgaben abnehmen und sie tragen.
      Blödsinn.
      Jetzt musste sie Tag für Tag nicht nur diese alberne Hülle tragen, die die anderen glauben machen sollte, sie sei jemand anderes, sondern auch alle Aufgaben und Erwartungen, die bleischwer auf ihren Schultern und ihrem Verstand lagen.Das Maskengesicht, was sie nun täglich im Spiegel ansah, war in der Ecke zu einer lächerlichen Fratze in sich zusammengefallen und lachte sie aus. Ein hämischer, mahnender Blick, der ihr jeden Abend das eigene Versagen vor Augen führte.
      Und noch etwas hatte ihr vorher niemand gesagt. Die Verantwortung war nicht an das Kostüm geknüpft, sondern an sie selbst. Sie hatte sich an ihren Verstand gekettet, so dass sie sie nicht abends ausziehen und von sich werfen konnte. Die Verantwortung blieb, trieb ihre rostigen Haken tief in sie hinein, und wurde jeden Tag schwerer.
      Und sie war es auch, die sie am Montag wieder dazu bringen würde, sich in dieses falsche Kostüm zu zwängen, die Maske aufzusetzen, und jemand zu sein, der sie nicht war.
      Flügelwesen
      ...komm nicht auf Scherben zum stehn....

      Andreas Bourani

      Neu

      Bergauf. Steil bergauf. Einen anderen Weg gab es nicht.
      Schon seit einiger Zeit hatte sie keine Abzweigung mehr gesehen, die sie auf einem flacheren Pfad voran gebracht hätte. Stehen bleiben, verweilen, sich ausruhen und vielleicht sogar einen Blick auf die Landschaft werfen war keine Option. Während ihr der Schweiß den Rücken herunterrann und ihr brennend in die Augen lief, fragte sie sich zum tausendsten Mal, wie wohl das Ziel aussehen mochte, auf das sie hinlief. Und zum tausendsten Mal kam sie zu keiner Antwort, außer der, dass der Weg das Ziel war.
      Das war absurd.
      Ein Weg konnte ein Ziel sein, ja. Wenn sie ihn aus freien Stücken und mit stetem Rundumblick antrat, wie bei einer Wanderung. Aber das hier war anders. Das war keine Wanderung, das war ein Gewaltmarsch, mit schwerem Rucksack und barfuß auf einem steinigen, nicht enden wollendem Aufstieg und immer dünner werdender Luft.
      Die Nächte waren kurz und wenig erholsam; die wenigen Plateaus, auf denen sie für einen Moment einigermaßen eben gehen konnte, waren bei dem schwindenden Sauerstoffgehalt nur ein schwacher Trost. Vor allem dann nicht, wenn sie nur wenige Schritte entfernt schon die nächste endlose Steigung sehen konnte.
      Sie war einsam hier oben. Sie fragte sich, wo die anderen waren, die den gleichen Weg gehen mussten – waren sie einfach nur schneller, so dass sie sie in der Ferne nicht mehr sehen konnte, oder hatten sie einen anderen Weg gefunden und waren einfach um das gewaltige Felsmassiv, über dessen Grad sie sich von Tag zu Tag quälte, herumgelaufen?
      Ein weiterer Schweißtropfen lief ihren Rücken hinunter; einer Warnung gleich, bedeutete er doch wieder einen Verlust an lebensnotwendiger Flüssigkeit. Sie schwenkte ihre Feldflasche, um zu prüfen, wieviel Wasser ihr noch verblieben war. Wenig. Sehr wenig.
      Also ging sie weiter. Gierig die dünne Luft atmend, die ihre Lunge nur daran erinnerte, dass sie mehr wollte, mehr brauchte. Auf der Suche nach einem Ziel. Auf der Suche nach einer Quelle.
      Flügelwesen
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      Andreas Bourani

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