Elfenspiegel

      Es war einmal eine Uhr ... - Teil 1

      Es war einmal eine Uhr. Die hatte schon viele Jahre ihres Uhrenlebens hinter sich. Viele Sekunden, Minuten, Stunden, ja Tage, Monate, Jahre hatte sie versucht das zu machen, wofür sie ihrer Meinung nach bestimmt schien – zu funktionieren, zu laufen und immer gewissenhaft die aktuelle Zeit anzuzeigen.

      Jetzt lag sie in der obersten Schublade einer alten Kommode. Der Staub hatte sich überall um sie herum breit gemacht und sich auch auf ihr gemütlich niedergelassen. Wie sie ihn hasste, diesen Staub. Aber ohne ihr zuverlässiges Funktionieren würde sie nie wieder aus dieser Schubladenecke in dieser alten Kommode herausgenommen werden.

      Und genau da war der Haken.

      Sie war von Anfang an nicht richtig gelaufen, jedenfalls war das so ihre Meinung, wie ihre Träger oder Trägerinnen es wohl von ihr erwarteten. Sie hatte das doch auch immer von anderen Uhren gehört, dass man funktionieren müsse, einfach so. Genau das war das Problem. So sehr sie sich auch anstrengte, es wollte ihr einfach nicht gelingen zu funktionieren, richtig pünktlich die Zeit anzuzeigen. Ihr Besitzer hatte sie zu mehreren Uhrmachern gebracht. Ihr wisst schon, die mit den goldenen Türschildern, in die mit großen geschwungenen Buchstaben der Schriftzug „Uhrmachermeister“ eingraviert war. Aber all die Versuche der Meister schlugen fehl.

      Wenn sie es dann mal schaffte, ein paar Minuten, Stunden oder Tage richtig zu gehen, dann kam doch der Zeitpunkt, da hakelte oder klemmte es. Und vorbei war es wieder mit der schönen Zeit am Arm getragen zu werden, ab und an den Strahl des Sonnenscheins auf sich spiegeln zu spüren, ab und an mit einem weichen wolligen Tuch abgewischt zu werden. Das Abwischen hatte sie immer wie ein Streicheln für sich empfunden. Nun lag sie schon wieder eine lange Zeit in der Kommode, in der obersten Schublade, aber keiner wollte mehr etwas von ihr wissen, geschweige denn die Zeit von ihr angezeigt bekommen.

      So wie mit der Zeit der Staub um sie herum und auf ihr immer dicker wurde, so wuchs auch in ihr die Unzufriedenheit. Ja man könnte schon fast sagen, die Uhr begann sich zu hassen. Nein, man muss ein bisschen genauer sein, sie begann sich und ihre Eigenschaften zu hassen. Waren sie es doch, die dazu geführt hatten. Sie ging nicht mehr oder tat sich unheimlich schwer. Dabei wollte sie doch einfach nur zuverlässig die Zeit anzeigen. Und auffallen wollte sie schon gar nicht mehr.

      Früher, ja früher, hatte sie immer gedacht, sie wäre etwas Besonderes. Jedenfalls hatte das ihr Besitzer immer gemurmelt, wenn er sie aus der Schatulle holte, ihr mit dem Zeigefinger zärtlich über das Glas streichelte und sie dann ganz behutsam um sein linkes Handgelenk legte. Wie Musik klang es dann immer in ihren Ohren, wenn der Verschluss des Armbands so ein leises „Klick“ machte. Du weißt schon, wenn die Bandschnalle geschlossen wurde. Ach was war das früher für ein tolles Gefühl. Sie war doch so einzigartig. Jedenfalls hatte das der Besitzer immer so vor sich hingemurmelt, wenn er dann ganz behutsam den Hemdenärmel über die Uhr zog. Fast schon zärtlich war das. Ja, das mochte sie immer, die Uhr.

      Die Schublade wurde geöffnet und herein schaute ein kleiner blauer Samtbeutel. Oh wie sie ihn hasste, diesen Samtbeutel. Immer, wenn dieser Samtbeutel auftauchte, wurde sie hineingesteckt und dann wieder zu einem Uhrmacher gebracht. Ob das heute auch wieder so sein sollte? Die Uhr hatte Recht. Auch heute wurde sie wieder zu einem Uhrmacher gebracht. Worte wie „Ungenaue Zeit“ und „unzuverlässig“ drangen dumpf durch den Samtbeutel an ihr Uhrenherz. Wieder so ein Profi, der an ihr rumfummeln würde. Und wieder würde es am Ende heißen: „da kann ich nicht helfen. Ich finde die Ursache nicht.“ Sie malte sich schon das Ergebnis aus.

      Doch diese Mal sollte es anders verlaufen.

      Als die Uhr aus dem Samtbeutel gezogen wurde, musste sie erst ein wenig blinzeln. Es war sehr hell um sie herum und ein paar dunkelbraune Augen schauten sie fragend an. Was die wohl finden würden? Ob die überhaupt etwas finden würden? Man kannte sie ja schon, diese Uhrmacher. Meister nannten die sich immer alle. Aber geholfen hatten sie ihr nie, jedenfalls nie so richtig gründlich und langanhaltend. Manchmal gab es kleine Momente, wo die Uhr das Gefühl hatte, jetzt, ja jetzt funktioniere ich. Aber dann war da wieder so ein Ruckeln und Klappern und alles war wieder wie immer. Es hatte einfach keinen Wert. Warum sollte es diese Mal anders sein? Sie wollte doch gar keine besondere Uhr sein, nur noch einfach funktionieren, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag. Höchstens vielleicht ab und an mal ein bisschen daneben gehen, die Zeit vielleicht um fünf Sekunden falsch anzeigen. Dies ließe sich ja dann immer wieder korrigieren. Man müsste ja nur an dem Stellrädchen drehen. Schon würde sie wieder funktionieren. Und immer genau das tun, wofür sie in ihren Augen bestimmt war, zu funktionieren und die Zeit genau anzuzeigen. Ausnahmen nicht erlaubt.

      Vor die braunen Augen wurde eine Brille mit glubschigen Gläsern geschoben und das Licht wurde noch intensiver, noch heller. Dann näherte sich ihr eine Hand mit einem kleinen Uhrenöffner und … schwupps … sprang der Uhrenboden auf den Tisch. Wie nackt sich doch die Uhr immer vorkam, wenn ihr der Uhrenboden entfernt worden war.

      Dann war da immer die Pinzette mit ihren scharfen Spitzen. Die kratzten immer so auf ihren Zahnrädchen und Hebelchen, wenn sie so darüber strichen. Doch diese Mal war irgendetwas anders. Gedreht wurde sie und von allen Seiten beleuchtet, so als ob der Schein der Leuchte bis in ihre hintersten Winkel dringen sollte. Da war ihre empfindlichste Stelle. Und die sollte wohl sichtbar werden. Wie sie es hasste, wenn dieser Schein so um jede Ecke leuchtete. Nichts konnte man vor ihm verborgen halten. Wie ausgezogen kam sich die Uhr vor.

      „Irgendetwas muss doch dazu führen, dass du nicht mehr rund läufst.“

      Wer sprach da? War sie etwa gemeint? Sollte da wirklich jemand mit Geduld und Verstand sitzen und sich um sie und die Lösung ihres Problems bemühen wollen? Eigentlich sprachen ihre bisherigen Erfahrungen dagegen und eigentlich … ja eigentlich hatte sie doch gar keine Lust mehr. Die Uhr dachte bei sich: nun mach schon du Meister. Ich will doch nur einfach funktionieren. Das kann doch nicht so schwer sein.

      Die prüfenden Augen betrachteten weiter jedes einzelne Rädchen in der Uhr. Jeder einzelne Lagerstein wurde im Licht der Leuchte im wahrsten Sinn des Wortes unter die Lupe genommen.

      „Hm, du da. Bei dir scheint es nicht zu stimmen.“

      Wer? Wo?

      Vorsichtig näherte sich ein Schraubendreher ihren kleinen Schrauben und löste diese. Dann wurden Teil für Teil die Halterung und einige größere Zahnräder entfernt. Zuletzt blieb nur noch die Unruhe mit ihrer Feder und dem ersten kleinen Zahnrad übrig. Vorsichtig hob die Pinzette dieses kleine Zahnrad aus seiner Halterung. Wie winzig, wie zerbrechlich doch dieses kleine Ding aussah. Und dieses kleine Ding sollte dafür verantwortlich sein, dass sie nicht richtig funktionierte. Blödsinn dachte die Uhr bei sich. Wieder so ein Besserwisser.

      Und doch. Wenn die Uhr es sich so richtig überlegte, das hatte sie immer an dieser Stelle von Unwohlsein geklagt. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, dass da irgendwo in der Ecke etwas nicht rund laufen müsste. Aber wie erklärt man einem Uhrmacher, wo einen das Zahnrad drückt, wo immer dieses Unwohlsein herkam, wo es immer schmerzte. Und wer hatte schon Lust, wenn es immer weh tat zu funktionieren. Wie sollte sie rund laufen und die Zeit einhalten, wenn jeder Schritt, jeder Klick des Zahnrades schwer lief, ja fast unmöglich schien?

      Behutsam wurde das Zahnrad zwischen den Pinzettenspitzen nach allen Seiten gedreht.

      „Irgendwie ist deine Achse nicht ganz in der Mitte“, murmelte die Stimme. „Und eine Zahnflanke ist auch schon ziemlich abgewetzt. Wahrscheinlich wurde zu lange immer wieder und mit allen Mittel versucht, dich zum Funktionieren zu bringen. Das sieht so nach Kratzspuren von meinen Kollegen aus.“

      Die Uhr dachte über die Worte nach, denn sie hatte ja eines – viel Zeit.

      Es war einmal eine Uhr - Teil 2

      Ja, eines Tages, das war so ziemlich ganz am Anfang, da war sie mal aus der Hand geglitten und unsanft auf den Tisch gefallen. Das hatte nicht sonderlich wehgetan. Auch äußerlich waren keinerlei Verletzungen am Uhrengehäuse oder der Armbandschnalle sichtbar oder spürbar gewesen. Und doch schien sie seit dieser Zeit diese Probleme zu haben. Ob da eine mögliche Lösung zu finden war?

      „Tja“ murmelte die Stimme weiter, „alle Ecken und Kanten nutzen nichts, wenn sie nicht in das Zusammenspiel aller Zahnräder passen.“ Du bist mit deinen kleinen gebogenen Zähnen zwar einzigartig, doch deine Ecken und Kanten müssen genau zu den Ecken und Kanten der andern Zahnräder passen. Nur wenn ein Zahn reibungslos und fast schon kräftefrei in die Zähne der anderen Räder greift, könnt ihr zusammen funktionieren. Dabei hast du eine wichtige Aufgabe. Du musst die innere Kraft der Uhrenfeder in eine gleichmäßige drehende Bewegung umsetzen. Wenn du hakelst, kannst du die Kraft und die Bewegung nicht reibungsfrei weitergeben. Dann könnt ihr alle nicht richtig drehen.“

      Und genau an dieser Stelle hatten doch schon alle Uhrenmachermeister rumgebogen und rumgekratzt.

      „Du bist ein seltenes Exemplar. Dich gibt es wahrscheinlich kein zweites Mal. Also müssen wir versuchen, mit Geduld, Fingerspitzengefühl und Behutsamkeit dafür zu sorgen, dass deine Achse wieder in ihre innere Mitte kommt. Dann sollten wir deine Ecken und Kanten schön polieren, damit da kein Grat stören und reiben kann. Außerdem kann erst durch die Politur die ideale Form deiner Zähne, ihrer Ecken und Flanken richtig herausgearbeitet werden. Dann erst wirst du in der Lage sein, diesen wichtigen Platz einzunehmen und richtig zu funktionieren.“

      Hatte sie eben richtig gehört? Vom Polieren ihrer Ecken und Flanken hatte diese Stimme gesprochen. Und dass sie dann funktionieren würde. Das glaubte sie jetzt einfach nicht. Die ganze Zeit waren all die anderen Uhrmacher bemüht gewesen und hatten die Ecken und Kanten dieses Zahnrades hinzubiegen versucht. Und dieser Uhrmacher redete einfach von Polieren und innerer Achse und dem sauberen Herausarbeiten ihrer Ecken und Kanten. Wenn das so einfach wäre wie es klingt, warum hatten dann so viele „Meister“ an ihr vergebens herumgedockert. Sie hatte keine Lust mehr auf dieses Probieren und Versuchen. Das war es doch, was aus all den Bemühungen dabei herausgekommen war. Sie funktionierte nicht und wurde deswegen abgelegt, ja sogar richtig weggelegt in diese öde staubige Schublade.

      Aber Polieren – gerade bewusst die Stellen des kleinen Zahnrades herauszuarbeiten und zu betonen, auf diese Idee war noch keiner gekommen. Warum eigentlich nicht? Aber die zahlreichen Versuche der Vergangenheit? Hatte sie - die Uhr - denn eine Chance, eine Chance „Nein“ zu sagen, zu sagen, ich möchte nicht mehr verbogen werden? Ich will doch nur so sein, wie ich dafür bestimmt wurde. Und wenn ich eben diese besonderen anderen Ecken und Flanken habe, warum schleift ihr sie dann nicht einfach ab?

      So, als ob der Uhrmacher ihre Gedanken erraten hätte, murmelte er weiter vor sich hin: „das mit dem Abschleifen geht nicht. Gerade diese Ecken sind es, die die ganze Uhr am Leben erhalten, die sie bewegen. Sie müssen da sein, um die inneren Kräfte in diese gleichmäßige Rotation umzusetzen.“

      Das Zahnrad wurde poliert und getrimmt, die Lager gesäubert und geölt und dann – mit der Behutsamkeit fast eines Künstlers – wurde das Zahnrad wieder an seine Stell e gesetzt. Es folgten die anderen Zahnräder und Hebel. Jedes Teil wurde an seinen Ort gesteckt, verbunden mit den anderen Rädern, so dass ihre Zähne ineinander fassten und sich wieder spiel- und kräftefrei bewegen konnten.

      Das fühlte sich einfach nur gut an. Ja, dachte die Uhr, ich glaub das zwar jetzt nicht, aber es fühlt sich einfach nur gut an. Und wieder so, als ob der Uhrmacher die Gedanken der Uhr wahrnahm, murmelte er: „So muss das sein. So passen die Dinge zusammen.“

      Mit viel Geschick und einer kleinen Zange setzte er den Uhrenboden wieder auf das Gehäuse, nicht ohne noch einmal seinen prüfenden Blick über das Uhrwerk gleiten zu lassen. Wenn Uhren Gefühle haben könnten und wenn Uhrmacher verliebt sein könnten, so hättet ihr in diesem Moment das Gefühl gehabt, der Uhrmacher war verliebt in diese Uhr und … die Uhr war wohl auch etwas verliebt in den Uhrmacher. Wer weiß schon, ob Uhren Gefühle haben oder eventuell auch nicht. Aber was spielt das schon für eine Rolle.

      Mit einem gleichmäßigen Drehen des Zeigefingers und des Daumens zog der Uhrmacher die Uhr auf. Er stellte sie auf die aktuelle Zeit. Sie tickte gleichmäßig, der Sekundenzeiger sprang von einem Teilstrich auf den nächsten. Ich kann mich nur wiederholen: wenn eine Uhr Gefühle hätte, so hätte man meinen können, dass sie fast mit Freude von einer zur nächsten Sekunde gesprungen ist. So leicht sahen jetzt ihre Bewegungen aus.

      Dann holte der Uhrmacher aus seiner Schublade den Samtbeutel des Kunden hervor und ließ die Uhr hineingleiten.

      Heute Abend um 17.30 Uhr würde der Kunde seine Uhr wieder abholen, eine gute Uhr, eine unverwechselbare Uhr, mit einem kleinen Zahnrad, dessen Ecken und Flanken poliert waren und glänzten, dessen innere Achse wieder im Lot war.

      Ich wollt doch nur reden

      abfällig reden,
      anreden,
      bereden,
      dagegen reden,
      drüber reden,
      dumm reden,
      einsilbig reden,
      hinter dem Rücken reden,
      Begrüßungsreden,
      Geburtstagsreden,
      Hochzeitsreden
      Festreden,
      Jubiläumsreden,
      Grabreden,
      Gedenkreden,
      Hetzreden,
      Tischreden,
      Lobreden,
      Wahlreden,
      klug reden,
      nach dem Mund reden,
      schön reden,
      schlecht reden,
      sich den Mund fusselig reden,
      überreden,
      unterreden,
      ununterbrochen reden

      Und wie redest du? Ich wollt doch nur reden, aber keiner hört zu.

      Der Rabe und der Fuchs - Wer ist nun besser dran

      Es war einmal ein Rabe. Der hatte gerade einen sehr großen Leckerbissen gefunden. Er ließ sich auf dem Ast eines Baumes nieder und fing an, den Leckerbissen zu verspeisen. Da kam ein Fuchs angestromert, der war sehr hungrig. Als er den Raben so beim Fressen sah, knurrte nur so sein Magen.

      „Rabe, was bist du so toll. Du hast so tiefschwarze Federn. Dein Schnabel glänzt gelb wie die Strahlen der Sonne. Deine Füße sind kräftig wie die Backen einer Zange und deine Augen funkeln wie schwarze Diamanten.“ sagte der Fuchs.

      Ob so vieler Schmeicheleien wollte der Rabe auch nett zu dem Fuchs sein und sagte: „auch du siehst toll aus.“ Dabei fiel im jedoch der Leckerbissen aus seinem Schnabel direkt vor die Füße des Fuchses. Dieser stürzte sich auf den Leckerbissen und fraß ihn mir nichts dir nichts auf.

      So, leicht gestärkt, verspottete der Fuchs den Raben. „Siehst du“, sagte er, „ich bin viel klüger als du. Man muss dir nur schmeicheln, schon verlierst du deinen Leckerbissen.“

      „Ja“, sagte der Rabe, „du scheinst klüger zu sein. Aber kannst du das?“ Sprach es, hob seine Flügel und flog davon.

      Du magst zwar den Weg in deine Umwelt verloren haben, aber du hast dich gefunden.
      Ich habe zwar meinen Weg in die Welt, aber ich habe mich verloren.

      Wer ist nun besser dran?

      Das Kinderkarussell

      Unaufhaltsam bewegst du dich flink und schnell
      nach vorn, Menschen, Bäume, Häuser im Flug.
      Musik und Lachen begleiten dich.
      Anhalten und aussteigen nicht erlaubt,
      vorwärts, nur vorwärts heißt die Devise.

      Unaufhörlich dreht sich das Rad
      huscht der Moment an dir vorbei.
      Ihn kannst du nicht festhalten.
      Du musst nur dich festhalten.
      und schon eilst du wieder dahin.

      Dreht es sich zu langsam und zu monoton
      kannst du die Spur wechseln.
      Du fliegst dahin, Bruchteile des Augenblicks.
      überholen willst du die Anderen
      die ihre Kreise drehen auf ihrer Spur.

      Absteigen, ausbrechen, verlassen
      neue Wege beschreiten ist nicht erlaubt.
      Nur drehen, immer wieder drehen.
      Bis irgendwann der Gongschlag ertönt.
      Dann darfst du absteigen, aussteigen.

      Wenn dein Blick den Punkt loslässt
      stellst du fest, du hast dich gedreht.
      Momente wiederholen sich
      kehren immer wieder in festem Rhythmus.
      Das Auf und Ab scheint statistisch.

      Doch auch das ist nur gelenkt.
      Irgendjemand hält die Fäden fest.
      Für einen Moment warst du mitten drin,
      durftest dich bewegen auf deinem Kreis.
      Mitfahren, mitdrehen, mitbestimmen?

      Doch dann, da ertönt er - der Gong.
      Aussteigen, absteigen, verlassen heißt es.
      Mit traurigem Blick verfolgst du den Kreis,
      den Kreis, der für dich Leben hieß.
      Du stehst jetzt abseits dieser Welt.

      Ein letztes Mal blickst du zurück und du weißt
      nie wieder wirst du beschreiben den Kreis.
      Da fliegen sie dahin, die Pferde, die Schwäne
      die Autos zugleich gefolgt von Flugzeugen
      Musik dröhnt, Lachen dringt an dein Ohr.

      Die Musik des Lebens für andere geschrieben.
      Andere dürfen sich drehen im Kreis.
      Deine Fahrt ist zu Ende, dein Gongschlag ertönt.
      Tauchst aus den Gedanken auf und ein
      in eine Welt, die sich um dich dreht.

      Einen Moment nur, einen Bruchteil von Leben
      warst du dabei im Kreis der Natur.
      Heute musst du das Karussell verlassen.
      In deinen Ohren klingt die Drehorgel nur.
      Gottes Wille – dein Weg, zu Ende die Spur.

      Das Leben – ein Kinderkarussell.

      Der Müller und das Korn

      Es war einmal ein Müller, der galt als sehr fleißig und gewissenhaft. Und wenn die Leute über ihn sprachen, sagten sie immer: „Ja, der Müller, der ist fleißig und immer so zuverlässig.“

      Eines Tages nun ergab es sich, dass der Müller wieder zu mahlen hatte, fünf Säcke mit Weizen, fünf Säcke mit Gerste, fünf Säcke mit Hafer und fünf Säcke mit Roggen. Und er sagte sich: „wenn alles so gut geht wie immer und der Wind gut bläst und mein Geselle gut mit anpackt und meine Frau das Haus hütet, dann mag es sich schon ausgehen. Dann werde ich es schaffen.“ Und der Müller plante die Säcke, die er zu mahlen hatte: fünf Säcke mit Weizen, fünf Säcke mit Gerste, fünf Säcke mit Hafer und fünf Säcke mit Roggen.

      Gegen Mittag kam der Geselle und sagte: „Müller, ich habe heute einen wichtigen Termin. Und immer, wenn du mich brauchtest, war ich zur Stelle. Bitte gib mir heute frei.“ Der Müller kratzte sich am Bart und dachte bei sich: „der Geselle hat immer ordentlich gearbeitet. Es wird schon gehen.“ Und er gab dem Gesellen frei. Er plante sein Korn neu. Wenn alles gut ging, dann würde er es wieder wie immer zur Zufriedenheit aller schaffen.

      Am Nachmittag sagte die Müllersfrau zu ihrem Mann: „Heute abend ist Schulelternrat und ich bin die Vertreterin. Kannst du pünktlich Feierabend machen?“

      Der Müller dachte bei sich: „Warum soll das nicht gehen. Bislang sieht alles noch gut aus. Wenn der Wind so weiter bläst, dann kann ich es noch schaffen. Ich werde eben eine Viertelstunde später nach Hause kommen.“ Und er sagte seiner Frau: „Geh‘ mal, es wird schon gehen.“

      Er schaute aus seiner Mühle und sah die Wolken am Himmel. Das waren keine Gut-Wetter-Wolken, die den Wind ordentlich blasen ließen. Während er noch nach dem Wind schaute und sich fragte, ob das wohl gehe, rief der erste Kunde an.

      „Müller“ sagte er, „ich bin bei dir immer ein guter Kunde gewesen. Diese Mal brauche ich mein Korn einen Tag eher. Ich will ein großes Fest geben, weil mein Sohn heiratet.“

      Der Müller dachte bei sich: „Wenn ich morgen statt um 6 Uhr um drei Uhr aufstehe, werde ich es wohl schaffen, aber der Wind, der Wind?“ Er sagte zu seinem guten Kunden: „ Ich werd‘ es versuchen. Es wird schon klappen.“ Und er dachte bei sich: „ich muß es schaffen. Vielleicht kann ich die anderen drei Kunden etwas nach hinten schieben.“

      Da klingelte wieder das Telefon. Es war der andere gute Kunde dran, ein Kegelbruder von ihm, der ihm schon manchen guten Gefallen getan hatte. Er sagte: „ Kannst du nicht mein Mehl einen Tag eher liefern. Mein Sohn hat eine große Feier. Ich hab‘ dir auch schon manchen Gefallen getan.“

      Und der Müller dachte bei sich: „Das wird eng. Eigentlich geht es nicht mehr. Aber wenn du diesem Kunden das Mehl nicht rechtzeitig lieferst, heißt es womöglich, dass du alt bist, dass deine Arbeitskraft nachlässt und überhaupt, dass du den modernen Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen bist. Und dass sie ihr Korn woanders mahlen lassen müssen, natürlich nur aus Rücksicht auf dich, auf deine Gesundheit. In letzter Zeit sahst du wirklich ein bißchen blass aus.

      Der Müller dachte bei sich: „Den Kunden darfst du nicht verlieren. Wenn du nicht erst um drei Uhr aufstehst sondern um Mitternacht, dann könntest du es vielleicht schaffen. Dir fehlt dann etwas Schlaf. Die letzten Wochen, Monate, Jahre hattest du immer etwas wenig Schlaf. Aber das eine Mal noch. Dafür legst du dich gleich heute Abend um acht Uhr hin."

      Und er versprach, das Mehl zu mahlen, einen Tag eher, wie sein bester Kunde und Kegelbruder es sich wünschte. Der sagte: „ich weiß, dass du unter Druck bist und ich will ja auch nur dein Bestes. Also sag es mir, wenn du es nicht kannst. Dann such ich mir einen anderen Müller. Nur wegen deiner Gesundheit.“

      Der Müller versprach es.

      Der Wind ließ nach. Die Mühlenflügel drehten sich immer langsamer. Und der Müller betete: „Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann hilf mir heute, wenigstens das eine Mal. Immer bin ich in die Kirche gegangen. Immer habe ich meinen Teil in den Opferbeutel gespendet. Und wenn der Pfarrer mal mehr Mehl brauchte, habe ich es auch nicht besonders berechnet.“ Er betete – und er fluchte, denn der Wind ließ weiter nach.

      Er ging nach Hause, legte sich aufs Bett, wollte nur noch schlafen. Seine Frau war zum Elternabend gegangen, die Kinder schon teilweise im Bett. Angeschrien hatte er sie, als seine Söhne ihm nur einen guten Abend wünschten. Auf der Straße auf dem Weg nach Hause waren alle wieder so trottelig
      gefahren. Am liebsten hätte er alle von der Straße schubsen können. Morgen ist auch noch ein Tag. Nur drei Stunden schlafen.

      Er legte sich hin. Nach einer halben Stunde schrie sein kleiner Sohn, dass er nicht schlafen könne. Er schüttelte sich und war ganz verschwitzt. Würgen tat er auch ein- bis zwei Mal. Er legte sich wieder hin. Der Hund hatte Durchfall und musste dringend Gassi. „Was kann ein Tier schon dafür, dass ein Müller Korn mahlen muss? Und er ging mit dem Hund Gassi.

      „Lieber Gott“, betete der Müller „wenn es nur noch einen Weg gibt, lass mich diesen Weg finden.“

      Und Gott hatte ein Einsehen. Am nächsten Tag brachte es der Stadtanzeiger als große Nachricht aus der Gemeinde. Der Müller, den sie alle so geschätzt hatten, der immer hilfsbereit und zuverlässig war, der vielleicht in letzter Zeit ein bißchen blass um die Nase war, der Müller hatte einen Herzinfarkt. Hatten das nicht schon immer alle gesagt, „so viel, wie der arbeitet. Der macht das nicht mehr lange.“ Selbst sein Arzt hatte es ihm gesagt. Und von neuem Weg finden hatte der geredet.

      Alle hatten ihn geachtet. Wirklich sein Letztes hatte er gegeben. Gott hatte auch sein Letztes gegeben. Wie abgesprochen sah das aus.

      „Schade war es um den Müller. Hätte er doch nur eher etwas gesagt. Gerade geholfen hätten ihm doch alle. Der gute Müller.“

      Der Stein und die Rose

      (eine Geschichte, die ich für eine Freundin zu ihrer Hochzeit schrieb)

      Es war einmal ein gewaltiges Felsmassiv, das jahrein - jahraus ausgesetzt war dem Wind und dem Wetter, der Sonne und dem Regen, dem Sommer und dem Winter und allen Einflüssen der Natur.

      So brach nach einem langen Winter und seinem Frost ein Brocken ab und stürzte den Berg hinab ins Tal, fast könnte man sagen - ein Stein war geboren. Er war massiv, hatte ein ordentliches Gewicht, hatte viele Ecken und Kanten. Er gliederte sich ein in den Strom mit anderen Steinen seiner Art, um mit den Wassern des Berges - dem Wasser des Lebens - fort gespült zu werden. Unterwegs wurde er geschliffen, verlor seine ihm eigenen Ecken und Kanten, um zu einer neuen Form zu gelangen, ein Kiesel - rund, fast wohl geschliffen, wie ein Schmuckstein, angepasst im Strom des Lebens. Und doch war auch dies seine eigene Form, anders als der erste mit seinem eigenem neuen Gewicht. Und er rollte zu seinem Platz des Lebens.

      Genauso wie der Stein entstand, entstand auch irgendwo auf der Welt eine Rose – erst klein und zierlich, behütet von ihrem Strauch der Familie wurde sie zu einer wunderschönen Blume.

      Eines Tages kam ein Gärtner, sah sie und nahm sie mit in seinen Garten. Dort pflanzte er sie ein, pflegte und hegte sie, gab ihr Wasser und Dünger, und kümmerte sich um sie, so wie er sich um all seine Blumen kümmerte. Dort wuchs die Rose auf, wurde zu einer stattlichen Blume, doch überzeugen konnte sie nicht, war sie doch aus ihrer spezifischen Umgebung entnommen, neu gepflanzt in eine fremde Umgebung, mit all ihren Einflüssen.

      Auch der Gärtner sah eines Tages, dass dieses Umfeld der Rose nicht bekam. Er grub sie aus und brachte sie zurück, dorthin, wo er sie einst entnommen hatte, dicht bei den Steinen am Bach. So geschah es, dass die Rose wieder in ihrer ursprünglichen Umgebung aufwuchs, selber sich kümmern musste, dass sie wuchs, dass ihre Blätter Licht und Sonne, Regen und Nahrung bekamen.

      Eines Tages geschah es, dass ein Gartenbauer den Bach entlang ging und die Kiesel aufsammelte. Er brauchte Steine weil er seinen Garten neu gestalten wollte. Die Steine wollte er für eine Natursteinmauer verwenden, in deren Lücken er Gräser und Pflanzen setzen wollte, damit sie sich zu einer neuen Symbiose vereinigten.

      So erhielt der Kiesel eine zweite Form, wieder eckig und kantig, fast wie einst, doch eine Form, die stabiler war für den Zweck, für den der Gartenbauer ihn geplant hatte. Fundament sollte er werden, Fundament für eine Steinmauer in einem großen Garten mit all den anderen Steinen. Ihm zu Füßen pflanzte der Gartenbauer, eine Rose, die er unweit der Kiesbank gefunden hatte. Die, wie er fand, einen deutlichen Kontrast bildete und doch wie schon immer gewesen eine Harmonie bildete, so als ob Stein und Rose schon immer zusammen gestanden hätten.

      Wie der Stein seinen Weg rollen musste um zu dem zu werden, der er von nun an war, so hatte auch die Rose ihren Weg gehen müssen. Und so wie der Stein seine Ecken und Kanten verlor, neu geformt wurde durch den Strom des Lebens, hatte auch die Rose in ihrem Dasein eine ihr eigene Form erlangt.

      Viele Wege sind da, um gegangen zu werden. Viele Wege werden von Steinen begleitet: einerseits von großen und mächtigen, die scheinbar unüberwindlich daliegen, so als hätten sie schon immer da gelegen - andererseits von kleinen und gedrungenen, dahingerollt, im Kreise vieler anderer kleiner Steine, froh darüber, endlich ihren Platz gefunden zu haben. Wir brauchen sie – die Steine des Lebens, um daran zu wachsen.

      An vielen Wegen wachsen sie, die Rosen unseres Lebens, mal groß und in den Himmel ragend, mal eher klein und sich duckend. So, wie jeder von euch, Stein war und Rose, so habt ihr zueinander gefunden, um in eurer neuen Symbiose zusammen zu sein. So, wie der Stein Hindernis sein kann, unüberwindlich, und doch erforderlich, der den persönlichen Weg prägt, so ist auch die Rose nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern spiegelt wieder, was ihre Eigenheit ist: zu wachsen, zu blühen, Natürlichkeit zu sein und Zeichen der Lebendigkeit.

      Nimmt man den Stein, fest und gewichtig, in seiner neuen Form, so kann er Fundament sein, auf dem sich eine neue Mauer des Lebens bauen lässt, vielleicht die neue Mauer eines gemeinsamen Hauses. So ist auch die Rose erforderlich, um diesem Haus eine neue Dimension zu geben, das Grün - die Farbe des Lebens und das Rot - die Farbe der Liebe. Gemeinsam bilden sie, miteinander verknüpft ein Zuhause, ein Zuhause für eine neue Gemeinschaft ... eure Gemeinschaft.

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      Sandkörner

      Wie ein Sandkorn wurdest du mit einer Schaufel auf das Förderband geworfen.
      Kaum lagst du da, drohtest du gleich wieder herunter zu fallen.
      Aber mit einem kräftigen Schubs lagst du dann sicher darauf.

      Das Förderband drehte sich, langsam, aber stetig.
      Stetig förderte es den Sand mit seinen großen Rippen nach oben.
      Der raue Lauf ließ die Sandkörner hin und her rollen.

      Aufpassen, ja nicht an den Rand kommen oder dorthin gedrängt werden.
      Denn du würdest herunter fallen und deine Fahrt wäre zu Ende.
      Glück gehabt, ein anderes Sandkorn hat es erwischt.

      So schiebst du dich nach oben oder wurdest geschoben.
      Sie drängen und drücken, dich zur Seite oder nach unten, sich selbst nach oben.
      Wenn du Glück hast, liegst du unter dem Haufen, begraben – aber du liegst.

      Wieder ein Rütteln und Schütteln, wieder fallen Körner vom Band.
      Aufwärts geht es weiter, manche sind schon eine Sicke weiter.
      Du bist zurück gefallen, aber du hältst dich fest.

      Bei all dem Rütteln und Schütteln bricht bei dir eine Ecke ab, rund schleifen nennen sie das.
      Wieder andere zerspringen, die brüchige Stelle hat nicht gehalten.
      Sandkörner ändern sich. Auf ihrem Transport nach oben formt sie das Band.

      Formen und geformt werden, sich anpassen oder wegdrängen, das ist die Devise.
      Nur so schaffst du es, auf dem Band zu bleiben. Und immer das Schieben und Schubsen.
      Sollen doch die Anderen herunterfallen. Sie werden vielleicht wieder aufgekratzt.

      Dann wird es ruhiger. Du hast das Gefühl, angekommen zu sein.
      Doch das Schieben und Rütteln geht weiter.
      Wegdrängen, herunter schieben vom Band heißt die Devise.

      Lang war die Fahrt, heftig das Rütteln und Schütteln. Müde bist du geworden.
      Lässt dich treiben und mitreißen, drücken, klammerst am Rand.
      Nur nicht herunter fallen, ins Bodenlose, in die Leere.

      Bist du oben? Hat die Fahrt ein Ende? Dann das Umkehrrad, das Fallen.
      Das Förderband wirft dich hinab. Festhalten, kleben, nicht loslassen -
      du willst doch weiterfahren.

      Du fällst ins Endlose, ein großer Haufen Erde öffnet sich, fängt dich auf, umfasst dich.
      Stille.
      Für eine Weile warst du ein Sandkorn, auf dem Förderband des Lebens.
      Es gibt sie zahlreich und vielfältig
      Manche groß - wie für die Ewigkeit gebaut,
      fast schon die Welt um sie herum überspannend
      manche eher klein und beinahe geduckt
      einschmiegend, mit dem Hintergrund verschmelzend.

      Sie stehen da, wurden geschaffen
      zu verbinden, Hindernisse zu überwinden.
      Manche entstanden vor unserer Zeit
      und stehen noch da, wenn wir wieder gehen
      getragen werden über die Brücke.

      Ihre Gesichter und Gestalten sind vielfältig.
      Teils in klassischer Handwerkskunst gebaut
      Stein auf Stein, Burgen ähnlich überquerend die Furt.
      Andere wieder kühn, freitragend, hängend an Seilen
      überspannen sie Teile der Meere.

      Viele werden genutzt. Täglicher Verkehr fließt
      von einer Seite zur anderen und wieder zurück.
      Andere wieder führen uns still und verschwiegen
      an einen heimlichen Ort, Stille umfangend.
      Doch ohne sie würden wir sie nicht erleben.

      Der Zahn der Zeit nagt an ihnen, deckt Schwachstellen auf
      gräbt Risse und Furchen in die festen Verbindungen und
      lässt schwach und marode werden, was für die Ewigkeit gebaut.
      Man muss investieren, reparieren, teils Altes durch Neues ersetzen.
      Sonst ist sie eines Tages nicht mehr belastbar.

      Menschen gehen, fahren, bewegen sich
      auf und über die Brücken, begegnen sich und gehen weiter.
      Sie haben geschaffen, wurden geschaffen
      für sich, für andere, eben Brücken zu sein.
      Die großen freitragenden und die kleinen alltäglichen.

      Irgendwann führt kein Weg mehr heran, bindet sie nicht mehr ein,
      der Fluss der Gegenseitigkeit ist unterbrochen.
      Abzubauen ist teuer und selbst dies erfordert Investition.
      Danach ist kein Zeichen mehr da, dass sie einst existierte.
      Vielleicht ein Stein am Rande, ein Foto der Zeit.

      Beziehungen sind wie Brücken.

      An meine Seele

      Du - meine Seele hast geweint.
      Um mich hast du geweint.
      Für mich hast du geweint.
      Doch ich habe dich nicht beachtet.
      Ich habe über dich gelacht.
      Habe mich über dich erhoben.

      Du bist gegangen.
      Hast mich verlassen.
      Mit all meinen Gedanken und Gefühlen
      hast du mich allein gelassen.
      Nicht Rache war es.
      Traurigkeit nahm dich gefangen.
      Es tut mir so leid.

      Könnte ich doch die Zeit zurückdrehen.
      Ich würde dich lieben
      mich um dich sorgen
      dir zuhören, wenn du erzählst.
      Würde dein Freund sein.
      Meine Hand wäre deine Hand.

      Doch so laut ich auch rufe
      ich höre dich nicht mehr.
      Deine Stimme wurde leise.
      Der Sonnenstrahl ging mit dir.
      Das wolltest du nie.
      Du hast dich einfach um mich gesorgt.

      Ich schreibe dir diese Zeilen
      in der Hoffnung,
      dass du sie eines Tages lesen mögest
      und mir verzeihen,
      meine Dummheit,
      meine Überheblichkeit.

      Vielleicht kehrst du zurück zu mir.
      Wir werden reden
      viel.
      Ich werde verstehen.
      Ich werde weinen vor Glück.
      Tränen, die ich nie geweint.

      Bis an das Ende meiner Tage

      Ich habe dich geliebt
      und wollte da sein,
      bis an das Ende meiner Tage.

      Nun fühle ich für mich,
      dass sie da sind
      mein Ende dieser Tage.

      Ich werde gehen
      ihr werdet bleiben
      bis an das Ende meiner Tage.

      Ich wünsch euch Leben
      mir das Sterben
      bis an das Ende aller Tage.

      Ich flehte um Hilfe
      doch vergebens
      bis an das Ende meiner Tage.

      Mein Herz blutet
      müde schlägt es
      bis an das Ende dieser Tage.

      Liebe für dich
      Liebe für euch
      bis an das Ende meiner Tage.

      Stille umfängt mich
      lässt mich sein
      bis an das Ende aller Tage.

      Ein kleiner Spatz

      In einem kleinen Haus am Rande einer kleinen Stadt lebte eine junge Frau. Immer wenn sie frei hatte, genoss sie die Zeit auf dem kleinen Balkon ihrer Erdgeschoßwohnung. Die erste Maisonne schien heute besonders verlockend, so dass die junge Frau beschloss, heute auf ihrem Balkon zu frühstücken. Das erste Frühstück dieses Frühlings. Sie nahm die Scheiben Brot aus dem Schrank, die Butter und die Marmelade aus dem Kühlschrank und das Glas Honig aus dem Regal und brachte alles auf den Tisch. Dann kochte sie sich einen Kaffee und stellte ihn dazu. Die Sonne lachte ihre freundlichsten Strahlen.

      Als sie so am Tisch saß und noch ein wenig in die ersten Sonnenstrahlen dieses Samstag­morgen blinzelte entdeckte sie an einer Seite ihres Balkons, ganz in die Ecke geduckt, ein kleines hellgraues Knäuel.

      Sie bückte sich hinunter und hob es auf: ein kleiner junger Vogel lag da in ihrer ausge­streckten Hand und zitterte wie Espenlaub. Unschlüssig schaute die Frau auf den Vogel. Was sollte sie jetzt machen? Da sah sie, dass der kleine Vogel einen Flügel etwas herunterhängen ließ.

      Das Frühstück war jetzt egal, sie musste dem kleinen Vogel irgendwie helfen. Da sie früher einen Wellensittich gehabt hatte, holte sie zunächst den Bauer aus dem Regal im Schlafzimmer und setzte den kleinen Vogel ganz vorsichtig hinein. Eine kleine Schale mit etwas Wasser stellte sie ebenfalls in den Bauer. Dann überlegte sie weiter. Ihr fiel ein, eine Freundin war doch Tierärztin, die wollte sie anrufen. Gesagt, getan und die Freundin versprach, sich sogleich auf den Weg zu ihr zu machen, um sich den kleinen Vogel anzusehen. Nur eine Tasse Kaffee hätte sie gern, so als tierärztliches Honorar oder so.

      Wenig später klingelte es an der Wohnungstür und die junge Frau machte auf. Ihre Freundin fragte: „Na, wo hast du denn den Patienten?“ „Im Wohnzimmer, im meinem alten Vogelbauer.“ „Na dann lass uns mal nach dem Kleinen schauen.“ Behutsam nahm die Freundin den kleinen Vogel aus dem Bauer und untersuchte vorsichtig den kleinen hängenden Flügel. „Scheint eventuell ausgerenkt zu sein oder so, aber gebrochen wahrscheinlich nicht.“ Vorsichtig versuchte sie den kleinen Flügel wieder in seine richtige Lage zu bewegen. Der Kleine braucht ein bisschen Schonung und Verwöhnung, sagte die Ärztin und schaute ihre Freundin mit einem Augenzwinkern an. „Ich werde mich um ihn kümmern“ versprach die junge Frau und „danke für deine Hilfe.“ „Nicht dafür. Aber jetzt möchte ich erst mal den versprochenen Kaffee“. Gemeinsam frühstückten die Freundinnen an diesem schönen Frühlingsmorgen. Danach verabschiedete sich die Freundin, die junge Frau schloss die Wohnungstür.

      Jeden Morgen, wenn die junge Frau aufstand, um zu frühstücken und sich fertig zu machen zur Arbeit, dann wurde sie bereits mit einem munteren Tschilpen aus dem Wohnzimmer begrüßt. Wenn sie dann mittags nach Hause kam, da hatte man das Gefühl, der kleine Vogel habe nur auf die junge Frau gewartet. Dann war da ein Piepsen und Tschilpen durch die ganze Wohnung. So ging das eine Woche. Dann dachte sich die junge Frau: der kleine Vogel scheint wieder gesund und fit zu sein, ich muss ihn fliegen lassen. Dieser Gedanke fiel ihr schwer. Irgendwie hatte sie sich schon nach diesen wenigen Tagen an diese Zeremonie und den kleinen Piepmatz gewöhnt. Aber sie wusste und hatte es ja auch ihrer Freundin versprochen, wenn der kleine Vogel wieder fit war, dann sollte er wieder zurück in seine Freiheit.
      Am übernächsten Tag brachte die junge Frau den Bauer auf ihren Balkon und öffnete vorsichtig die Klappe. „Flieg, kleiner Vogel. Flieg zu deiner Familie“. So stand sie da und wartete. Vorsichtig näherte sich der kleine Vogel der Klappe des Bauers. Dann schien er all seinen Mut zusammen zu fassen, hüpfte auf die Klappe, breitete seine kleinen Flügel aus und schwirrte davon.

      Aus der Hecke klang plötzlich ein aufgeregtes Tschilpen, so als ob eine lange getrennte Familie sich wiedergefunden hätte.

      Es war ein paar Wochen später. Die junge Frau dachte noch manchmal an den kleinen Vogel: und wie es ihm wohl im Moment ginge. Ob sein kleiner Flügel wieder ganz in Ordnung ge­kommen war? Heute wollte sie mal in den nahegelegenen Park und dort auf einer Bank etwas die Sonne genießen, vielleicht ein Buch lesen oder einfach nur so die Seele baumeln lassen. Sie war schon lange nicht mehr im Park gewesen.

      Sie zog sich ihre Schuhe an. Dann machte sie sich auf den Weg in den Park. Manchmal kam es ihr so vor, als ob der Park immer ein kleines Stückchen weiter entfernt von ihrer Wohnung läge. Aber das konnte ja gar nicht sein. An der Parkbank – ihrer Parkbank, wie sie manchmal bei sich dachte – hielt sie an. Bald schon saß sie auf der Bank und hatte die Augen geschlos­sen. Die Sonnenstrahlen schienen heute nur für sie zu scheinen. So saß sie eine ganze Weile da.

      „Darf ich mich auch auf die Bank setzen?“ Leicht erschrocken blinzelte sie auf und sah in das freundlich fragende Gesicht eines jungen Mannes. Und wie zu einer Erklärung fügte er hinzu: „ich sitze öfters hier und beobachte die Vögel. Es ist einfach ein wunderschöner Platz.“ Noch immer leicht verunsichert sagte die junge Frau: „Ja, es ist ja nicht meine Bank. Aber ich sitze eben auch gern hier.“ „Dann können wir ja gemeinsam hier sitzen und die Sonne und den Tag genießen.“ Dann setzte sich der Mann zu ihr.

      Nach einer ganzen Weile fing der Mann ein Gespräch an. Mittendrin fing die junge Frau plötzlich an zu lachen. „Warum lachen Sie jetzt?“ fragte er verunsichert. „Mir schoss gerade ein komischer vielleicht ein bisschen verrückter Gedanke durch den Kopf. Das hat nichts mit Ihnen zu tun, nur mit der Situation hier gerade.“

      Dann erzählte sie dem jungen Mann von dem kleinen Vogel, der sich neulich auf ihren Balkon verirrt hatte, den sie gepflegt hatte, und der jetzt wahrscheinlich wieder munter durch die Büsche flatterte, sicherlich immer seinen Artgenossen hinterher. „Da musste ich gerade dran denken. Fliegen müsste man können. Und dann habe ich mich wie Mary Poppins abheben gesehen mit einem Schirm in der Hand, in meinem Rollstuhl. Da musste ich irgendwie lachen.“ Jetzt musste der junge Mann auch lachen.

      Sie erzählten noch eine kleine Weile weiter. Dann sagte sie: „ich mache mich jetzt auf den Heimweg.“ „Sehe ich Sie wieder?“ fragte der junge Mann, „bestimmt?“ Sie schaute ihn an. Irgendwie musste sie blinzeln. Ob es die Sonne in ihren Augen war, oder ein Staubkorn - wer weiß das schon? „Bestimmt?“ überlegte sie laut. „Bestimmt!“

      „Soll ich Ihnen helfen?“ Fragte der junge Mann. „Das kann ich schon ganz gut allein.“ Und wie zur Bestätigung schob sie sich von der Bank auf die Sitzfläche des Rollstuhls. „Das sah ganz schön elegant aus!“ nickte der junge Mann bestätigend und lachte. „Ich bin ja auch Mary Poppins“ lachte sie zurück.

      Dann machten sie sich auf den Weg, ein junger Mann und neben sich eine junge Frau im - Rollstuhl.

      „Wo müssen Sie hin?“ fragte er und schaute sie an. „Da drüben zum Ausgang des Parks, und dann die Straße hinunter.“ war ihre Antwort. Vor dem kleinen Haus mit ihrer Wohnung angekommen verabschiedeten sich die beiden.

      Die junge Frau saß noch so lange vor der Haustür in ihrem Rollstuhl, bis der junge Mann um die Ecke verschwunden war. Ein Tschilpen drang aus dem Gebüsch, neben der Haustür. Ein kleiner Spatz flog fast schnurstracks heran und setzte sich auf die Lehne ihres Rollstuhls. Dann zwitscherte er nochmals und flog wieder davon.

      Über ihr Gesicht huschte ein kleines Lächeln. Was für ein Tag. Ob der kleine Vogel eben ihr kleiner Spatz war, den sie gepflegt hatte. Ob er gekommen war, sich zu bedanken? Können das kleine Vögel überhaupt? Und wenn nicht, das musste einfach der kleine Vogel gewesen sein, einfach jetzt mal so. Wer sonst hätte ihr so einen netten Nachmittag bescheren können, mit diesem netten jungen Mann, einfach so.
      Mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht schloss die junge Frau ihre kleine Wohnung auf.

      Ein kleiner Spatz war in ihr Leben getreten. Einfach so.

      Das Eichhörnchen und der Bär

      In einem großen Wald nahe einem großen Gebirge lebte ein Bär. Als Kind war er hierhergekommen, damals. Damals hatten auch noch die anderen Tiere des Waldes mit ihm gespielt. Heute gingen sie ihm aus dem Weg. Er sei zu groß, zu schwer und zu stark, sagten sie. Sie hätten Angst, dass er sie mit seinen großen Pranken verletzen könnte. So trottete der Bär allein durch den Wald.

      Auf einer kleinen Lichtung blieb er stehen und sog den Duft, der da in der Luft lag, genüsslich durch die Nase. Das roch ja lecker, nach Honig, musste ganz in der Nähe sein. Prüfend die Luft einatmend sondierte er die Richtung weiter. Dann nahm er das Summen und Brummen der Bienen wahr.

      Auf der Lichtung stand in der Nähe auch ein Haselnussstrauch. Dort war mit vollem Eifer ein Eichhörnchen beschäftigt. Immer rannte es den Strauch hinauf, pflückte sich eine Haselnuss, rannte dann schnurstracks wieder runter, über die Lichtung, um dann irgendwo die Nuss in der Erde zu vergraben.

      Der Bär schaute eine Weile dem emsigen Treiben zu. Dann wandte er sich schmatzend und mit seiner Bärenzunge übers Maul leckend einem Stück Bienenwabe zu, die mit Honig gefüllt war. Das Eichhörnchen hörte den Bär schnaufen und schmatzen und traute sich näher heran. „Was machst du da“, fragte es den Bären, doch vorsichtshalber auf einem höheren Zweig sitzend. „Ich nasche Bienenhonig, siehst du doch.“ Und nach einer Weile, in der er genüsslich weiter geschmatzt hatte, „schmeckt hervorragend.“ „Hast du den Bienen die Wabe geklaut?“ fragte das Eichhörnchen. Der Bär blinzelte mit seinen kleinen Augen zu dem Eichhörnchen nach oben. „Wenn du mich nicht verrätst – ich habe die Wabe nicht geklaut.“ Erstaunt blickte das Eichhörnchen von seinem Zweig aus den großen Bären an. „Aber Bären klauen doch immer Honig“, sagte es. „Das hat mir meine Mama früher immer erzählt.“

      Der Bär hörte auf zu schmatzen und setzte sich langsam auf sein Hinterteil. Wenn er sich ein bisschen streckte könnte er mit seiner Pranke das Eichhörnchen sogar erreichen. Aber irgendwie hatte er keine Lust dazu. „Ich klaue keinen Honig.“ sagte er nochmals und wie zur Erläuterung fügte er hinzu: „Die Bienen haben mir ein Stück Wabe gegeben.“ „Gegeben?“ fragte das Eichhörnchen ungläubig „Gegeben?“ „Ja, gegeben.“ antwortete der Bär. „Sie baten mich von ihrem Honig zu kosten. Ich soll ihnen sagen, ob er gut schmeckt.“ Sie wollten sonst das Honigrezept nochmals überarbeiten, wenn er nicht gut schmeckte. „Aber der Honig ist lecker, nicht zu süß, gerade richtig nach Wald und Wiesenblumen schmeckend. Ich bin nicht wie die anderen Bären, ich klaue nicht.“ Die anderen Bären und Tiere würden mich auslachen, wenn sie das erfahren. Sag’s also bitte nicht weiter.“ Das Eichhörnchen wollte einfach nicht glauben, was es da gerade aus dem Maul des Bären gehört hatte.

      „Aber darf ich dich auch mal was fragen?“ Der Bär setzte eine ganz verträgliche Miene auf. „Warum rennst du immer den Haselnussbusch hinauf, holst dir ´ne Nuss, und verbuddelst sie dann irgendwo. Du bist ja die ganze Zeit nur am Rennen.“ „Ich sammle Vorrat für den Winter.“ „aber so ein kleines Ding wie du braucht doch nicht so ´ne Menge Nüsse. Da reichen doch sicher pro Tag ein paar Stück.“ „Du hast recht“, antwortete das Eichhörnchen; „aber ich kann mir einfach nicht merken, wo ich sie verbuddelt habe. Und deshalb vergrabe ich so viele. Dann finde ich wenigstens ein paar, und die reichen dann als Winterration. Verstehst du?“

      Der Bär war mit seiner Honigportion fertig, so dass er sich wieder von seinem Hinterteil erhob. „Ich mach jetzt mal nach Hause, in meine Höhle, ein Nickerchen halten.“ Sprach es und wollte sich von dannen trollen. „Darf ich mitkommen?“ frage das Eichhörnchen mit zaghafter Stimme. Mitkommen, hatte der Bär gerade richtig gehört, mitkommen? „Weshalb willst du denn mitkommen?“ fragte er mit seiner brummigen Stimme ungläubig. „Ich fühl‘ mich allein, die anderen Eichhörnchen mögen mich nicht. Ich bin ein bisschen tollpatschig. Ich fall‘ manchmal runter von den Zweigen, wenn ich springe. Mein Schweif ist etwas krumm, so kann ich nicht so gut steuern. Und dann passiert es eben ab und zu, dass ich daneben springe und runterfalle. Dann lachen mich die anderen Eichhörnchen immer aus. Das will ich nicht. Deshalb bin ich jetzt allein.“ „Ich bin auch allein“ und nach einer kleinen Pause des Nachdenkens „na dann, komm einfach mit. Aber du darfst dich nicht zu breit machen in meiner Höhle, die ist nicht so groß. Versprochen?“ „Versprochen!“ war die Antwort und dann trollten sie los, ein großer brauner Bär auf seinen riesigen Pranken und ein kleines braunes Eichhörnchen auf seinen kleinen Eichhörnchenpfoten.

      Bald waren sie an der Höhle des Bären angekommen. Die war wirklich nicht sehr groß. Die hatte sich das Eichhörnchen deutlich größer vorgestellt. „Da hinten schlafe ich immer.“ sagte der Bär und zeigte mit seiner Pranke nach der hinteren Ecke der Höhle. „Wenn du willst, kannst du dir da auch deinen Platz machen. Aber nicht so groß, du hast es versprochen. Ich brauch‘ nämlich Platz, wenn ich mich mal rumdrehe.“ Das Eichhörnchen flitzte los, holte sich Moos und Blätter zusammen und baute sich sein Lager neben das Lager des Bären. Anschließend saßen die beiden noch eine ganze Zeit am Eingang der Höhle und unterhielten sich.

      „Ich bin müde. Ich geh‘ jetzt schlafen.“ „Ok“ war die Antwort des Eichhörnchens. „Lass uns schlafen gehen.“ Gemeinsam legten sie sich auf das Lager, der Bär auf sein großes breites Lager aus Laub und Zweigen, das Eichhörnchen auf sein kleines Lager aus Moos und Blättern davor. So lagen sie eine ganze Weile, nebeneinander, und jeder hing seinen Gedanken nach. Irgendwie konnten sie nicht so richtig einschlafen. War ja auch eine komische Situation, ein Eichhörnchen in der Höhle eines Bären. Aber irgendwie war es richtig kuschelig, es fühlte sich gut an. Auch für den Bären fühlte es sich irgendwie gut an, nicht mehr allein zu sein, jedenfalls so ein kleines bisschen.

      „Weißt du“ fing das Eichhörnchen noch mal an zu reden, „was ich gerade denke?“ „Nee, woher sollte ich?“ „Ich denke gerade: Familie ist da, wo man zu Hause ist.“ Nach einer Weile antwortete eine brummige Stimme „Versteh‘ ich. Schlaf gut. Aber schnarch nicht zu laut. Und mach dich nicht zu dick, ich brauche Platz. Versprochen?“ „Versprochen.“ kam es mit einer leicht schläfrigen hellen Stimme zurück.

      Wenn ihr die beiden hättet sehen können, wie sie so da lagen, fast aneinander gekuschelt. Eine große braune Bärenpranke lag behutsam neben einer kleinen braunen Eichhörnchenpfote.

      Familie ist da, wo man zu Hause ist.

      Versprochen.

      Amiche - Teil 1

      Es war einmal ein junges Mädchen, das lebte bei ihren Eltern in einer kleinen Stadt. Ihre Eltern nannten sie Maria. In der Nähe ihres kleinen Häuschens lag eine Wiese. Mitten durch diese Wiese floss ein kleiner Bach. Dessen Wasser war glasklar, man konnte bis auf den Grund des kleinen Baches sehen. Wenn es ein sonniger Tag war, tummelten sich kleine Fische in dem klaren Wasser und genossen die Sonne.

      Auch Maria liebte die Sonne. Immer, wenn es schönes Wetter war und ihre Schule und die Arbeit zu Hause es ihr erlaubten, ging Maria über die Wiese an den kleinen Bach. Dort setzte sie sich gern auf einen großen hellen Stein – ihren Stein.

      Oft ließ sie ihre Beine im klaren Wasser des Baches baumeln und schaute dabei den funkelnden und glitzernden Strahlen der Sonne zu, wie sie sich auf dem Wasser bewegten, bewegten als wenn Märchenfeen tanzten.

      Oder sie lag zwischen den grünen saftigen Blättern der Wiesengräser und lauschte dem Summen der Bienen um sie herum, die emsig Blütenhonig sammelten. Es gab viele wunderschöne Blumen für die Bienen: die kleinen blauen mit ihren fiedrigen Blättern, der kräftige Löwenzahn mit den gezackten Blättern und seinen korbartigen Blüten, der weiß blühende Klee mit seinen dreiteiligen Blättern. Manches Mal hatte sie ein vierblättriges Kleeblatt gefunden und es dann mit nach Hause genommen. Sie trocknete das Blatt und heftete es in ihr Lieblingsbuch. Dort standen all ihre Gedanken darin. Viele Zeilen hatte sie schon hineingeschrieben, viele kleine und große Geheimnisse. All diese Seiten schmückte sie dann mit den getrockneten Blumen. Sie achtete immer darauf, dass die Blumen zu den Zeilen und Gedanken passten. Sie sollten doch eine Einheit bilden, die Gedanken und die Blumen.

      So ging sie auch heute wieder über die Wiese, zu ihrem Bach, setzte sich auf ihren Stein und schaute in die kleinen Wellen und die funkelnden Sonnenstrahlen, die sich in ihnen spiegelten. Auf einmal merkte sie, dass sie nicht allein war. Wie sie sich so blinzend umschaute, sah sie ein kleines Mädchen am Bach sitzen. Das saß genauso da wie sie und ließ ebenso wie sie seine Beine im Wasser baumeln. So saßen die beiden Mädchen eine Weile da, gemeinsam am Bach, ihre Beine baumelten gemeinsam im Wasser, die kleinen Fische spielten in den funkelnden kleinen Wellen.

      Nach einer Weile, in der nur das fleißige Summen der Bienen und das leise Gluckern des Baches zu hören waren, fragte das kleine Mädchen: „wie heißt du? Ich hab dich hier schon manchmal gesehen.“ „Maria – und du?“ „Ich hab eigentlich keinen Namen, aber ich liebe diese Blumen hier“ und zeigte mit ihrem Finger auf einen Löwenzahn. „Ich mag die sonnengelben Blüten im Sommer und ich mag die kleinen zarten Samenpäckchen mit ihren kleinen Schirmchen dran. Ich mag es, wie sie in der Sonne schweben, um sich einen neuen Platz zu suchen, wo sie wachsen können. Nenn mich einfach Amica. „Das ist ein schöner Name. Der gefällt mir.“ Und während sie jetzt das kleine Mädchen genauer ansah: „deine Haare leuchten und glitzern im Sonnenlicht wie die kleinen Härchen der Löwenzahnsamen, Amica.“

      Wieder saßen sie eine Weile am Wasser. Jede schwieg vor sich hin. „Darf ich näher kommen?“ fragte das kleine Mädchen, „dann können wir uns ein bisschen unterhalten. Wenn du so weit weg sitzt, muss ich so laut reden. Das strengt mich sehr an.“ „Ja, komm, setz‘ dich zu mir. Dann können wir besser miteinander reden.“

      Gesagt, getan. Nun saßen die Mädchen zusammen auf dem hellen Stein: Maria und das kleine Mädchen. Beide baumelten mit ihren Beinen im Wasser und schauten vor sich hin. Die kleinen Fischlein schwammen um ihre Füße herum – so, als wollten sie mit ihnen spielen.

      „Siehst du die kleinen Fische?“ fragte das kleine Mädchen, „Die schwimmen so, als wollten sie fangen oder verstecken spielen.“ „Ja“ sagte Maria, „Freunde und Freundinnen spielen miteinander. Ich schau ihnen gern zu.“ Und nach einer Weile, in der sie ganz nachdenklich vor sich hinschaute: „wollen wir Freundinnen sein?“ Das kleine Mädchen schaute Maria mit ihren großen dunklen Augen an. „Freundinnen“ wiederholte sie fragend, „du und ich?“ „Ja“ sagte Maria. Und wieder nach einer ganzen Weile des gemeinsamen Schweigens sagte das kleine Mädchen „Ja, ich mag dich. Lass uns Freundinnen sein.“

      So saßen sie, Maria und das kleine Mädchen, nebeneinander, schauten den kleinen Fischen zu, hörten gemeinsam das Summen der Bienen und blinzelten gemeinsam in die Strahlen der langsam untergehenden Sonne.

      „Ich muss nach Hause“ sagte das kleine Mädchen. Und wie zur Erklärung fügte sie hinzu: „Sonst machen sich meine Eltern Sorgen um mich. Weil sie ja nicht wissen, wo ich bin und oder mit wem ich spiele. Aber jetzt kann ich ihnen ja erzählen, dass ich eine Freundin habe - Maria.“ „Ja, mach das. Und ich werde in mein kleines Büchlein schreiben, dass auch ich eine neue kleine Freundin gefunden habe – Amica.“

      So verabschiedeten sie sich und gingen nach Hause. „Sehen wir uns wieder?“ fragte das kleine Mädchen. Maria drehte sich nochmals um und antwortete: „Ja, morgen – wenn du willst.“ Dann winkte sie dem kleinen Mädchen nochmals zu und ging fröhlich nach Hause. Auch das kleine Mädchen freute sich, seine Augen leuchteten dabei wie zwei kleine Edelsteine. Sie hatte jetzt eine Freundin – Maria.

      Amiche - Teil 2

      Der Sommer hatte erst grade begonnen und so trafen sich Maria und das kleine Mädchen fast jeden Tag. Mal spielten sie auf der Straße, mal saßen sie am Bach, mal lagen sie nebeneinander auf der Wiese. Eines Tages, es war wieder ein herrlicher Sommertag, sagte das kleine Mädchen ganz leise: „Darf ich dich mal was fragen?“ Maria nickte nur mit dem Kopf. „ich hab noch eine kleine Schwester. Die ist immer bei mir. Die hat dich auch schon gesehen, aber sie versteckt sich. Sie traut sich nicht.“

      Maria schaute das kleine Mädchen fragend an: „eine kleine Schwester? Wo ist sie? Ich sehe sie nicht? Warum versteckt sie sich?“

      „Sie ist sehr ängstlich und traut sich nicht. Ich darf sie auch nicht verraten. Denn wenn ich sie verrate, verschwindet sie und kommt nicht mehr mit. Das möchte ich nicht. Sie ist doch meine kleine Schwester. Sie ist jünger als ich, ich muss sie doch beschützen.“ Maria konnte das kleine Mädchen gut verstehen. Eine kleine Schwester musste man beschützen, ganz sicher.

      Dann nach einer ganzen Weile des Nachdenkens sagte Maria: „wie wäre es, wenn ich dir helfe, sie zu beschützen. Dann wärst du nicht so allein. Wir könnten dann zu Dritt miteinander spielen.“ Dieser Vorschlag klang gut für das kleine Mädchen. Eine Freundin zu haben - zu dritt, und zu dritt miteinander spielen, zu dritt auf der Wiese liegen, zu dritt auf dem Stein sitzen und gemeinsam die Füße im Bach baumeln lassen. Das war es, das war die Idee. Das müsste doch ihrer kleinen Schwester gefallen. „Ich wird’s ihr gleich sagen.“ sprang das kleine Mädchen auf und lief zu einem Busch am Rande der Wiese. Nach einer ganzen Weile tauchten sie auf, das kleine Mädchen und noch ein weiteres kleines Mädchen. Hand in Hand kamen sie hinter dem Busch hervor, über die Wiese, zu dem hellen Stein am Bach.

      „Wenn du magst, setz dich zu uns“ sagte Maria und deutete auf den Stein neben sich. „Dann kannst du auch mit den Füßen im Wasser spielen.“ Das gefiel der kleinen Schwester. Zu dritt saßen sie jetzt, Maria und die beiden kleinen Mädchen und ließen ihre Beine im Wasser baumeln.“ Es war schön, so zu dritt zu sitzen.

      Die Sonne berührte mit ihren ersten Strahlen den Horizont. „ich mach euch einen Vorschlag. Ich begleite euch ein Stückchen nach Hause.“ sagte Maria. „Ist das ok für euch?“

      Das war ok. Beide kleinen Mädchen nickten begeistert. Sie hatten eine Freundin, die mit ihnen ging. So gingen sie gemeinsam nach Hause, über die Wiese mit den vielen bunten Blumen, ein Stück den Bach entlang, der noch immer ein bisschen gluckerte. Das Summen der Bienen klang wie ein kleiner Abschiedsgruß, aber ein fröhlicher, so vielleicht nach dem Motto: bis morgen ihr drei.

      So gingen sie - drei Mädchen – nach Hause – munter erzählend und lachend.

      Am Abend, es war bereits spät und die kleinen Mädchen hatten bereits gegessen, saßen sie noch in ihrem Zimmer zusammen. Sie durften immer ein kleines Weilchen sitzen und erzählen, bevor sie ins Bett gehen mussten. Das hatten ihnen ihre Eltern erlaubt. „Weißt du, Maria ist nett. Ich mag sie, wir sind Freundinnen.“ Sagte das kleine Mädchen zu ihrer Schwester. „Ja, ich mag sie auch. Ob sie auch meine Freundin sein möchte?“ „Ich glaube schon. Wenn sie meine Freundin ist, ist sie auch deine Freundin, ganz sicher.“ „Das ist schön.“ Sagte die kleine Schwester, „jetzt hab ich auch eine Freundin.“

      Die beiden kleinen Mädchen erhoben sich, putzten sich schnell noch die Zähne, sagten Mama und Papa gute Nacht und huschten dann in ihr Zimmer und in ihre Betten. „Maria ist eine tolle Freundin.“ Klang es aus dem einen Bett. „Ja“ klang es leise gähnend aus dem andern Bett.

      Auch Maria war inzwischen zu Hause angekommen. Was war das für ein aufregender Tag gewesen. Da war noch ein kleines Mädchen gewesen und sie hatte es nicht gesehen. Sie war auch sehr lieb aber wirkte sehr ängstlich. So eine ängstliche kleine Schwester musste man beschützen. Sie konnte das kleine Mädchen gut verstehen. Ich werde ihr helfen und gemeinsam mit ihr die kleine Schwester beschützen. Sie öffnete ihr Büchlein und schrieb ihre Gedanken hinein. Dann klebte sie ein Kleeblatt oben an den Rand der Seite, ein dreiblättriges. Ob das ein Zufall war?

      Maria legte ihr Büchlein zur Seite. Ein Kleeblatt mit drei Blättern – sie waren jetzt Freundinnen. Langsam schlief Maria ein, ein leichtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.

      Der dunkelblaue Abendhimmel spannte sein Zelt über die Welt - wie zum Schutz, zum Schutz für drei Mädchen, für Maria und ihre beiden neuen Freundinnen. Die Wolken des Abendhimmels sahen eigenartig geformt aus. Wie ein dreiblättriges Kleeblatt sahen sie aus und wie Wort:

      Amiche - Freundinnen.

      Richter Gnadenlos

      Wieder lesen wir von ihm,
      wieder hören wir von ihm.

      Wieder hat er gesprochen,
      wieder sein Urteil gesprochen.

      Er hat beurteilt.
      Er hat geurteilt.

      Mit sanfter Stimme war sein Wort.
      Doch gnadenlos die Botschaft.

      Sanftheit und Nachsicht sind Fehler.
      Er macht keine Fehler.

      Er hat geurteilt.
      Er hat verurteilt.

      Sein Urteil wäre im Mittelalter
      das Leben gewesen.

      Sein Urteil ist heute
      Verdammung auf Lebenszeit.

      Er hat beurteilt.
      Er hat verurteilt.

      Du bist angeklagt.
      Du bist schuld.

      Das Höchstmaß der Strafe.
      Zerrissenheit in dir.

      Der Richter, der Gnadenlos,
      das bist du selbst.

      Du hast beurteilt.
      Du hast geurteilt.
      Du hast dich verurteilt.

      Schuldig.
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