Depression - doch Willensschwäche?

      Depression - doch Willensschwäche?

      Hallo liebes Forum,


      In zahllosen Ratgebern zu „Depression“ findet sich wortgleich oder sinngemäß die Formulierung : „Der Depressive will nicht, sondern er kann nicht“. Dementsprechend werden Ratschläge Dritter wie „Guck, dass du den Arsch hoch bekommst“, „Reiß dich zusammen“ und ähnliche ausdrücklich für kontraproduktiv erklärt. So weit, so gut. Mir als Depressivem will das gerne einleuchten.

      Nun mache ich seit Jahren unterschiedliche Therapien und führe ständig mit - im Laufe der Zeit wechselnden – Psychiatern Arztgespräche. Über kurz oder lang kamen diese alle zu dem Punkt, wo es ausdrücklich oder sinngemäß hieß: „sie müssen das Wollen und Machen, sonst geht es nicht“

      Bedauerlicherweise schaff ich das bislang nicht, was ich mir natürlich selbstquälerisch ständig vorwerfe.
      Ist diese Aufforderung zum „Wollen und machen“ nicht eigentlich inhaltlich identisch mit dem „Guck, dass du den Arsch hoch bekommst“?
      Oder habe ich Tomaten auf den Augen?
      Ist Depression damit letztlich doch Krankheit des zu schwachen Willens?
      Ich würde gerne Eure Meinungen kennenlernen


      LG
      Gaur
      Hallo Gaur,

      ich kann verstehen, dass dich das irritiert. Ich selber schwanke sehr und will mal das eine, mal das andere glauben. Ich denke, dass beides irgendwo seine Berechtigung hat. Ein "Reiß dich zusammen" ist erstmal für einen Menschen mit Depressionen nicht sonderlich hilfreich, weil das nunmal eine Krankheit ist und keine Willensschwäche. Ich würde daher Depressionen auch nicht als Krankheit des zu schwachen Willens bezeichnen. Ich - und ich denke viele andere Leute mit Depressionen - wollen ja, können aber nicht. Und leiden unheimlich unter dieser Diskrepanz.
      Andrerseits glaube ich, dass man auch als Mensch mit Depressionen eben nicht ausschließlich nur aus Depressionen besteht. Auch als Depressiver hat man, meiner persönlichen Meinung nach, Phasen, in denen man schon könnte, aber den Hintern nicht hoch bekommt. Da kann dann ein sanfter Tritt in selbigen schon auch mal hilfreich sein. Einen meiner Ärzte darauf angesprochen, wann ich denn nun wirklich nicht kann und wann ich könnte, aber zu bequem bin, kam zur Antwort, dass er das nicht wüsste und dass das mit das Schwierigste sei, das heraus zu bekommen.
      Meiner persönlichen Erfahrung nach - und ich habe jetzt auch schon seit ca. 12 Jahren Depressionen - reagiert man oft extrem empfindlich auf dieses "Sie müssen das wollen, Sie müssen was tun". Das ist auch verständlich, aber ich denke, dass einem da schonungslose Offenheit sich selbt gegenüber sehr hilft. Ich persönliche würde von mir sagen - auch wenn das schm*rzhaft ist - dass ich schon auch manchmal Phasen habe, in denen ich mich in meiner Krankheit einrichte. In denen es leichter ist, Dinge gar nicht erst zu versuchen, weil es ja doch nicht klappen könnte. Phasen, in denen es leichter ist, Dinge nicht zu machen, weil es anstrengend ist und weh tun kann. Wenn ich das selber nicht auseinander halten kann, hilft mir auch das Feedback von Menschen, die mich sehr gut kennen und manchmal besser als ich selber einschätzen können, ob ich gerade kann oder nicht. Wobei es mir natürlich lieber ist, ich kann das selber. Immerhin will ich ja ein selbstbestimmtes Leben.

      Ich glaube, dass man als Depressiver in mindestens einer Hinsicht einen sehr starken Willen hat: Man will nicht leiden. Man will wieder glücklich sein, etwas positives spüren. Und wenn man es schafft, diesen Willen auf andere Dinge zu übertragen oder sie deswegen zu tun, dann ist man schon recht weit. Also als Beispiel: Ich will oft keinen Sport machen. Aber ich will mich unbedingt besser fühlen. Also mache ich Sport. Klappt natürlich auch nicht immer, aber oft.

      Also ich denke, man darf da nicht schwarz-weiß sehen, sondern muss sich immer wieder selbstkritisch hinterfragen. Und dann demjenigen, der einem soetwas sagt, auch eine Rückmeldung geben. Und je nach Ergebnis der Selbstreflexion kann das dann sein "Ich schaffe das gerade ganz und gar nicht", "Ich schaffe das, wenn du mir hilfst", "Ich versuche es, vielleicht schaffe ich es dann", "Ich schaffe das" und noch ungefähr hundert andere Möglichkeiten.
      Gerade wenn man schon länger krank ist, läuft man Gefahr, zu resignieren und irgendwo zu erstarren. Und ich glaube, die Ärzte wollen einen durch solche Aussagen da heraus holen. Wollen das, was man tun kann - egal wie wenig das ist - in einem aktivieren. Denn letzten Endes ist es nun mal schon so, dass einem Ärzte und Therapeuten und Angehörige unheimlich viel helfen können, dass man aber die größte Arbeit selbst tun muss. Und ich glaube, dass man das nicht nur wollen muss, sondern auch wollen kann. Denn weniger leiden will, nehme ich mal an, jeder.

      Liebe Grüße,
      Fylgja.
      Therapy only works when we have a genuine desire to know ourselves as we are. Not as we would like to be.
      ~ Hannibal, S2E9

      Hallo Fylgja,

      danke für Deine Ausführungen, die bei mir einen intensiven Denkprozess ausgelöst haben. Du hast recht; ich glaube auch bei mir gibt es Sachen, die ich letztlich nicht mache, obwohl ich sie bei geballter Willensanstrengung mit Anstrengung doch hinkriegen kann; Einkaufen etwa. Wenn es denn mal klappt, dann über"rationalen Zwang" den ich - mit massiven Selbstvorwürfen verbunden - auf mich auszuüben trachte.

      Mit einer grundlegenden Überlegung Deinerseits habe ich allerdings so meine Probleme: Ich quäle mich in der Tat seit Jahren Tag für Tag aufs Neue durch das Leben und will das nicht mehr. Da ich aber keinerlei Zielvorstellung hinsichtlich eines alternativen, besseren Lebens entwickeln kann; ich vielmehr alle Züge für mich hoffnungslos abgefahren wähne, kann ich aus einem "Generellen Nichtleidenwollen" blöderweise für mich keine Handlungsmotivation ziehen. Ich weiß, dass dies objektiv Quatsch ist, bin aber völlig unfähig, hier der besseren Einsicht empfindungs- und gefühlsmäßig zu folgen.

      Aber ich nehme gerne Deine Anregung auf, mich bei meinem nächsten Versagen selbstkritisch zu hinterfragen, ob es nicht in Wirklichkeit doch klappen könnte...

      Danke

      Liebe Grüße
      Gaur
      Hallo Gaur,

      schön, dass ich einen Denkprozess anstoßen konnte. Ich halte es für wichtig, dass man es aber auch mit der kritischen Selbstreflexion nicht übertreibt. Man kann auch zu viel Druck auf sich aufbauen und manchmal fälschlicher Weise meinen, man könne etwas/müsse etwas können, was dann letzten Endes doch nicht geht.

      Was du bezüglich eines besseren Lebens schreibst, macht mich traurig und das tut mir sehr Leid für dich. Ich weiß nicht, was du an Therapien hinter dir hast, du hast ja geschrieben, dass das so einiges war. Hast du auch mal stationäre Therapie gemacht? Das war für mich bezüglich weiterer Lebensplanung immer am hilfreichsten, weil dort einfach umfassender geschaut werden konnte, was ich brauche und was ich möchte.
      Tut mir Leid, dass ich dir nicht viel mehr weiter helfen kann. Vielleicht hat ja noch jemand hier bessere Ideen.

      Liebe Grüße,
      Fylgja.
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      ~ Hannibal, S2E9

      Tachchen,

      Gaur schrieb:

      Da ich aber keinerlei Zielvorstellung hinsichtlich eines alternativen, besseren Lebens entwickeln kann; ich vielmehr alle Züge für mich hoffnungslos abgefahren wähne, kann ich aus einem "Generellen Nichtleidenwollen" blöderweise für mich keine Handlungsmotivation ziehen.


      Naja lassen wir das mit dem "generell nicht-leiden-wollen" mal weg. Du sagst ja das du etwas als zuspät ansiehst, von Züge und wähnen, das heißt doch das es etwas gibt was du eventuell noch mal machen oder erreichen wollen würdest und daraus könnte man, wenn man den rein von der Überlegung wollte ein "Ziel" machen. Ob es dadurch, worum es auch immer geht dein Leben jetzt besser oder schlecht wird kann man nicht absehen, aber aus einer Handlung ergeben sich meistens viele weitere Wege die man sich aussuchen kann. Somit ist die Frage doch vielmehr ob du glaubst das es zuspät ist oder nicht ? Von können oder nicht können brauch wir nicht reden, denn die Frage kann sich jeder selbst in seiner Tagesverfassung beantworten. Und nein mit wollen hat Depression wenig zutun, nach meiner Erfahrung hat der Kopf zuviel zutun so das man meistens mehr Zeit damit verbringt sich darüber klar zu werden ob man es macht oder nicht, somit Kopf in Urlaub schicken und machen. Funktioniert nicht immer, aber wie man an meinem Garten sieht, braucht man nicht viel Grips um nen paar Büsche zustutzen.

      MfG.

      Wolverine