Denn ich falle: immer schneller, immer tiefer

      Denn ich falle: immer schneller, immer tiefer

      Hallo Zusammen,

      mir fällt es nicht einfach meine momentane Situation bzw. meine Gedanken und Gefühle niederzuschreiben, aber ich weiß nicht mehr wohin mit mir. Ich versuche es mal zu untergliedern, möchte aber darauf hinweisen, dass es stark triggernd sein kann! Es wird defintiv um Sex gehen!

      1. Ich studiere in einer anderen Stadt als meiner Heimat seit zwei Jahren, allerdings immer nur zeitweise. Ich habe hier jemanden kennen gelernt, der mir schnell ans Herz gewachsen ist. Durch eine dumme betrunkene Wette haben wir miteinander rumgemacht. Das war vor einem Jahr. Dies hat sich das letzte Jahr mit Höhen und Tiefen durchgezogen. Ich bin mehrmals betrunken ausgerastet, als ich in der Heimat war. Habe ihm blöde Nachrichten geschrieben und solche Dinge eben. Er hatte mir nun wochelang geschrieben, dass wir darüber reden, sobald ich wieder da bin. Das haben wir gestern getan und ich kann eigentlich nicht mehr aufhören zu heulen. Ich habe die halbe Nacht damit verbracht und mir geht es absolut beschissen. Ich bin gerade an einem Tiefpunkt, schon länger, da mich viele Dinge quälen (dazu gleich mehr), aber jetzt gerade? Jezt weiß ich wirklich nicht mehr, wohin.
      Er hat mir gestern gestanden, dass er auf Männer steht. Ich fände das nicht schlimm, überhaupt nicht, aber ich bin nur von schwulen Männern umgeben. Ich habe praktisch einen Magneten. Mein bester Freund, der in meiner Jugend auch mal mein Freund war, ist schwul. Ich habe mehr schwule, als hetero Freunde. Ich würde das alles nicht als schlimm empfinden, wenn es das erste Mal wäre, wenn ich damit umgehen könnte. Es ist nun das zweiter Mal, dass sich jemand outet vor mir für den ich starke Gefühle habe und ich frage mich wieso? Wieso ist mein Leben so? Ich weiß, dass mir die Frage niemand beantworten kann. Ich weiß das, aber es tut so weh. Obwohl ich weiß, dass ich ja nichts dafür kann, aber wie kann man so viel 'Pech' haben? Meist passiert das Leuten nicht mal einmal im Leben und mir gleich zweimal? Das Schlimme ist: ich wusste es. Als wir uns damals kennen gelernt haben, habe ich tatsächlich was in diese Richtung gesagt und vor ein paar Wochen habe ich darüber einen Scherz gemacht. Kurz danach war es mir eigentlich irgendwie klar, weil da so eine Situation war, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich wollte daran festhalten, dass es mir sagt, dass da mehr ist zwischen uns, dass ich nicht nur seine gottverdammte beste Freundin bin. Wie bin ich zur besten Freundin von zwei schwulen Männern geworden? Ich verstehe es nicht. Ich versuche den Sinn zu finden, weil ich fest daran glaube, dass alles einen Sinn im Leben hat, aber ich finde ihn hier nicht. Ich heule einfach nur bitterlich vor mich hin und das bei schönstem Wetter.

      2. Ich hatte oben angedeutet, dass es mir schon lange nicht mehr gut geht. Ich hatte in diesem Jahr mehr Alkoholabstürze als ich an einer Hand abzahlen kann. Ich kotze für gewöhnlich nicht, da ich Angst davor habe, aber selbst das war mir dieses Jahr egal. Ich saufe und saufe und ich kenne kein Ende mehr. So hatte ich nach jedem Abend einen Filmriss, zum Teil schon nach zwei Stunden. Ich kann mich nicht beherrschen und das macht mir Angst. Beim ersten Filmriss bin ich mit jemanden mit Bett gelandet. Daran erinner ich mich auch: ganz untypisch bin ich einfach zu ihm hin und dann waren wir im Bett. Überhaupt nicht meine Art und Weise, wie ich damals noch dachte. Inzwischen habe ich es anders gelernt: ich hure mich durch die Gegend was das Zeug hält. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Und dies tue ich eher nüchtern. Ich habe vor einer Woche getrunken, ein paar Bier, nicht viel. Ich wurde nachts so emotional, dass ich auf dem Heimweg fast geheult habe und meinen besten Freund Sinnfragen gestellt habe: Wieso ich so depressiv bin? So genervt vom Leben? So unglücklich mit mir und allem anderen bin? Wieso ich nicht einfach normal sein kann? Ich heule, wenn ich trinke. Ich vergesse, wenn ich trinke. Ich mache mit Leuten rum, wenn ich trinke. Also habe ich nun beschlossen gar nicht mehr zu trinken, was eher weniger gut klappt als Student. Allgemein bin ich momentan eher ein Wrack: mir geht es nicht gut. Ich fühle mich leer von Innen heraus. Ich sehe keinen Sinn. Ich weiß nicht, wo ich nächstes Jahr hin will. Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich weiß überhaupt nichts. Ich bin einfach grundlos schlecht gelaunt und habe so eine Traurigkeit, die nicht weggeht in mir.

      3. Das Rumgehure. Ich drücke das bewusst so krass aus, weil ich nicht mehr an einer Hand abzählen kann mit wie vielen Menschen ich in den letzten vier Wochen im Bett war. Oder auch mit wie vielen Leuten ich gleichzeitig im Bett war. Ich hatte am Samstag gleich zwei Dates, allerdings wirklich mal zum Reden. Einen davon habe ich dann direkt zwei Tage später für Sex wiedergetroffen. Ich bin inzwischen so 'veranwortungslos', dass ich mir auch Männer, ohne sie zu kennen, einlade. Oder ich gehe einfach zu einem Mann, den ich 15min vom Schreiben aus einer App kenne hin, um mit ihm zu schlafen. Ich bin was das angeht absolut verantwortungslos geworden, aber ich habe ja eine gute Menschenkenntnis, oder wie war das?
      Mich stört es gar nicht so sehr. Ich hatte früher ein großes Problem mit Sex, da ich in meiner Jugend Bilder im Kopf hatte aus meiner Kindheit, die einfach plötzlich da waren. Mit denen ich nicht umzugehen wusste und so habe ich mich in meiner Jugend nach dem Sex häufig schlecht gefühlt und mich verletzt. Irgendwann habe ich dann die schönen Seiten davon entdeckt und es ging mir gut. Seit einigen Jahren gehe ich in Clubs und auch das gefällt mir, insbesondere das gefällt mir. Als ich vor ein paar Tagen allerdings mit einem Mann geschlafen habe, ging es mir danach schlecht. Ich habe mich scheiße gefühlt, benutzt. Wie Dreck. Ich habe das erste Mal nach wirklich vielen Jahren (9 oder so) überlegt mir weh zu tun nach dem Sex. Dass Leute mich verurteilen dafür, dass ich mit so vielen Menschen schlafe, ist mir egal. Ich habe ja wie gesagt nur schwule Freunde und die sind da ja eh anders. Mich verurteilt keiner meiner Freunde dafür, wenn dann tue ich selbst das.

      4. Ich habe Rückfälle. Ich bin seit bald 8 Jahren clean im weitesten Sinne. Selbstverständlich hatte ich in diesen 8 Jahren Rückfälle, aber wirklich wenige. Im letzten Jahr hatte ich, glaube ich, zwei Rückfälle. Einen davon sturzbetrunken: ich habe mich besoffen, hatte nachts einen Fressanfall (nein, ich habe keine Essstörung, aber auch das habe ich inzwischen vermehrt) und habe mich anschließend geschnitten und es tat so verdammt gut. Ich kannte dieses Gefühl nicht mehr und hatte vergessen, wie gut es mir eine zeitlang in meinem Leben tat. Ich weiß, dass es absolut ungesund ist. Dafür bin ich alt genug und weit genug in meinem Leben: ich habe zwei Therapien hinter mir, aber ich habe auch akzeptiert, dass es Momente gibt in meinem Leben, wo ich mich selbst verletzte und es stört mich nicht und an so einem Punkt bin ich gerade wieder: Ich will mir verdammt nochmal weh tun. Ich träume davon, wie ich mich so stark verletzte, dass ich ins Krankenhaus muss (was ich noch nie war). Ich kann das nicht abstellen. Ich meine wie auch? Wie beeinflusst man, was man träumt? Mir macht es aber Angst. Mir macht es solch eine Angst, denn so bin ich nicht. So war ich nie. Ich war immer das verantwortungsbewusste Mädchen. Inzwischen scheiße ich auf alles, inbesondere auf mich.

      Mir macht all das eine saumäußige Angst. Ich habe das Gefühl zu fallen: immer weiter, immer tiefer und immer schneller. Ich weiß nicht, wie es aufhalten soll. Wie ich mich hieraus befreien soll. Ich weiß, dass es Zeit wird ehe es noch mehr eskaliert. Ich weiß, dass ich was anpacken und ändern muss, aber ich kann es gerade nicht. Ich bin jemand, der wenig jammert und mehr macht. Ich halte nichts davon zu sagen: ich kann nicht, denn umso mehr man sich das sagt, desto mehr stimmt es auch. Positives Denken hilft enorm und wird unterschätzt, aber jetzt gerade, wo ich hier heulend sitze, kann ich nicht positiv denken. Ich glaube das gestern war einfach der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein oder wie man so sagt. Ich weiß nicht weiter. Ich will mir so sehr weh tun. Ich will heulen. Ich will ich in meinem Selbstmitleid besudeln und das werde ich auch einen Tag machen (also mich im Selbstmitleid besudeln), aber ich habe Angst da nicht mehr heraus zu kommen. Ich habe Angst, dass es ausartet, dass ich mich auch verletzte, dass ich meine Träume wahr werden lassen. Und das Schlimme ist eben: ich habe hier niemanden zu Reden, außer ihm und das steht außer Frage. Denn ich kann ja schlecht hingehen und ihm erzählen, wie scheiße es mir geht, weil er sich geoutet hat. Das wäre schon krass unsensibel und egoistisch. Er weiß von den Dingen oben zum Teil. Ich vertraue ihm und er hat betont, dass ich mich melden soll, wenn es mir schlecht geht, aber ich kann das nicht. Ich kann mich nicht von dem Mann trösten und umarmen lassen, in dem ich verliebt bin und der schwul ist.

      Ich hoffe irgendjemand hat überhaupt bis hierher gelesen und weiß was zu sagen. Ich bin für alles offen - ab Morgen auch gerne für Arschtritte, nur heute bitte nicht, denn das würde ich nicht aushalten.

      Viele Güße
      leben.auf.anfang.
      Immer wieder Anlauf nehmen
      mit vollem Herzen losrennen
      Immer ein Stück höher springen
      Immer wieder Anlauf nehmen

      Bis es klappt.
      Zwei Wochen später und niemand hat eine Antwort. Ich weiß auch gar nicht, wieso ich nun wieder hier rein schreibe. Wahrscheinlich weil ich nicht weiter weiß.

      Ich breche gerade über meinen Unisachen zusammen. Ich habe einfach aus dem Nichts angefangen zu heulen. Ich habe mir in den letzten zwei Wochen zweimal in den Arm geschnitten und würde es gerade gerne wieder tun. Ich konnte nach Tagen des Heulens nicht mehr heulen und jetzt heule ich wie ein Schloßhund. Wie kann man denn in so kurzer Zeit so tief fallen?
      Ich habe nichts mehr unter Kontrolle: mein Essen, meinen Alkoholkonsum (wobei das geht noch), das Rauchen, in den Arm schneiden. Ich stehe morgens auf und mir geht es schlecht. Ich rede kaum noch. Ich weiß auch gar nicht worüber, denn mein Kopf lässt mich vor tausenden Gedanken einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich kann mich nicht ausdrücken. Ich weiß nicht wohin mit mir. Ich weiß nicht, was ich machen soll, damit es mir besser geht. Verdammt, ich weiß es nicht. Ich kann mir doch nicht nach 8 Jahren clean sein wieder in die Arme schneiden. Wie dumm kann man denn bitte sein?! Und dennoch lässt mich das Verlangen nicht los...

      Ich fliege nächste Woche in den Urlaub mit meinen besten Freunden, die nichts hier von wissen. Von früher schon, aber nicht wie schlecht es mir aktuell geht und, dass ich mich wieder verletze. Ich überlege gerade meinem besten Freund zu schreiben und ihm das zu sagen, weil es nur fair wäre. Es lässt sich eh nicht verstecken. Ich bin aber enttäuscht von ihm, weil es ihn scheinbar momentan nicht interessiert wie es mir geht. Aber was ist die Alternative? Dass er im Urlaub meinen Arm sieht? Das finde ich nicht in Ordnung. Aber ich weiß auch nicht wie er jetzt reagiert, wenn ich ihm das schreibe.

      Ach scheiße. Irgendwie wird es einfach nicht besser. Ich habe so viel auf meinem Teller gerade, dass ich nicht weiß wohin mit mir. Ich möchte am liebsten einfach nur schlafen. Ich bin so müde vom Leben. (Nein! Ich tue mir nichts. Das ist hier keine Drohung oder so. Ich versuche nur mein Gefühl auszudrücken). Ich möchte einfach nichts mehr fühlen, hören oder sehen. Ich will einfach nur Ruhe haben. Allein sein. Für mich. Stille. Ich kann nicht mehr, wirklich. Jeden Tag aufzustehen ist momentan die Hölle. Ich schlafe kaum noch. Ich hatte letzte Woche nach Jahren einen Flashback. Ich bin so hoch geschreckt nachts. Ich war so schockiert. Es war etwas 'neues', 'anderes'. Etwas, dass ich nicht kannte bisher. Dass ich auch nicht einordnen kann und mir nur noch mehr Angst macht.

      Wieso kann es nicht mal einfacher werden? Wird dass Leben irgendwann auch mal einfacher?
      Ich kann doch nicht nach so langer Zeit, nachdem ich so viel erreicht habe und soweit gekommen bin, so tief fallen und mir wieder regelmäßig die Arme aufschneiden.

      Viele Grüße
      leben.auf.anfang.
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      Bis es klappt.
      Hallo,

      ich habe deinen Beitrag nun das zweite Mal gelesen. Beim ersten Mal wusste ich leider nicht wirklich was ich dazu antworten soll. Und so richtig wei ich es jetzt auch nicht. Aber ich möchte es nicht so stehen lassen.

      Was du schreibst, kommt mir ein wenig bekannt vor. Es liest sich so, dass du lange immer weiter gemacht hast. Nicht jammern, sondern machen. Mit Mitleid kannst du normal wenig anfangen. Und ich glaube auch, dass du das jetzt nicht brauchen kannst. Für mich hört sich das aber an, als hättest du zu lange versucht stark zu sein. Viel zu lange versucht einfach weiter zu machen ohne auf dich und deine Gefühle zu achten, (korrigiere mich, wenn ich falsch liege.) Gerade deine Punkte 2. und 3. im ersten Beitrag hören sich für mich an, als wenn du damit einfach ganz viel versucht hast zu überspielen.

      Ich kenne punkt 3 von mir ähnlich. Ich habe mich allerdings damals ne zeitlang damit bestraft.

      Hast du denn wirklich niemanden, wo du mal einen Moment aufgeben kannst? Einfach mal kurz nicht nur weiter machen, sondern wieder tanken?

      Du erzählst, dass du mit deinem besten Freund in den Urlaub fährst. Kannst du mit ihm darüber reden? Vielleicht ist Urlaub genau das richtige. Vielleicht kannst du ihm es erzählen und du kannst dort Kraft tanken. Alles was hier an Stress und Überforderung ist hier lassen und für den Moment vergessen?

      Das Leben wird irgendwie immer mal einfacher um dann auch wieder schwerer zu werden. Zumindest ist es bei mir so. Aber so richtig einfach ist es nicht lange. Aber wenn das Leben immer einfach wäre, wüssten wir es auch gar nicht mehr zu schätzen. Ich habe festgestellt, dass ich damit besser klar komme, seitdem ich bei meinem besten Freund regelmäßig aufgeben und Kraft tanken kann. Ich rede nicht immer bei ihm. Er weiß, dann dass ich das gerade nicht kann. Aber ich darf mich bei ihm festhalten und auch mal einfach heulen. Um dann am Ende wieder Kraft zu haben, mich wieder hinzustellen und die Probleme an zugehen.

      Ich weiß nicht, ob da irgendwas hilfreiches bei ist. Ich hoffe es. (Bin leider selber etwas durch den Wind)
      Ich drücke dir die Daumen, dass du im Urlaub etwas Kraft und Ordnung findest und danach wieder alles in den Griff bekommst.

      Viele Grüße
      N*rb*nmädchen
      Don't hurt me anymore!
      hallo,
      ich hab deinen beitrag auch versucht zu lesen, leider konnte ich nicht alles im Detail durchlesen, es hat mich einfach überfordert. Trotzdem wollte ich dir zumindest ein paar Worte da lassen, denn es scheint mir wichtig zu sein, dich nicht ohne Widerhall zu lassen.
      Ich habe den /die Beiträge allerdings nur überflogen. Einiges kenne ich auch von mir, vor allem dieses immer weiter machen und sich dabei total verlieren und verausgaben. Wie Narbenmädchen schon schrieb, vielleicht hilft der Urlaub ein klein wenig, vielleicht gibt es auch irgendjemanden anderen (nicht den schwulen Freund), dem du dich anvertrauen kannst, auch wenn du das vielleicht bisher nicht gemacht hast.
      und.mein Gedanke war auch, weil du schriebst, du weißt nicht wohin mit dir, du weißt nicht , wohin du nächstes jahr willst, du weißt nicht, worüber du reden sollst, es ist alles so viel. Das kommt mir sehr bekannt vor. einer meiner häufigsten sätze wenn es mir dreckig geht.. ich weiß nicht.. oder schweigen.

      vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem es Zeit ist, stehen zu bleiben und sich wieder einzusammeln, auch wenn es schwer und schmerzhaft sein kann.Manchmal ist das einfach nötig.
      Vielleicht auch mit professioneller Hilfe?
      Ich hab aus deinen Texten jetzt nicht herausgelesen, ob du es schon mal mit einer Therapie versucht hast oder es vielleicht wieder Zeit für eine solche Unterstützung wäre. Das wäre auch ein Ort und eine Person, wo Du hin und wieder einfach mal aufgeben darfst, loslassen, und trotzdem sicher und angenommen bleibst.

      Manches kann und muss man nicht alleine schaffen. und manches mal hilft positives Denken auch nicht weiter. Manches mal ist es auch wichtig, zu sagen, wenn es grad scheiße ist und dieses Gefühl auch mal sein zu lassen und sich auch damit anzunehmen. Dann kann man auch wieder aufstehen und weitermachen. Aber wenn es grade nicht anders geht, darf man auch mal liegenbleiben und sich um sich kümmern. Das ist sogar sehr wichtig und völlig ok.
      Es ist völlig ok, es wird immer mal wieder schwerer, auch wenn es lange gut läuft , das ist das Leben. und manches mal wird es plötzlich auch wieder sehr schwer, vielleicht, weil da noch was offen geblieben ist. Ich glaube, es wird schlimmer, wenn man versucht, weiterzumachen als wäre da nichts, das habe ich zumindest früher sehr lange gemacht. und dadurch ist letztlich wohl alles eskaliert. Ziemlich lange, so lange, bis Körper und Geist völlig gestreikt haben und ich einfach nicht mehr weiter konnte. auch wenn ein Teil von mir da immer noch weitermachen wollte, weil ich einfach so drauf programmiert war, dass das nicht in Frage kommt, aufhören. Doch gebraucht hätte ich genau das. Stehenbleiben, zur Ruhe kommen, die Scherben einsammeln, anschauen und heilen lassen. Das hat mir damals auch wahnsinnige Angst gemacht, doch heute bin ich sehr froh, dass mein Körper und meine Seele die notbremse gezogen haben, und ich wieder mein Leben zurückerobern konnte.

      Es kommt mir so vor, als wäre das bei dir vielleicht auch ähnlich . Deshalb erzähle ich das, und weil ich dir Mut machen möchte.

      Ich wünsche DIr , dass Du im Urlaub ein wenig Abstand gewinnen kannst , Kraft tankst und vielleicht ein wenig klarer siehst.
      Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will."
      ..."vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden. Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist...." (Rilke)
      Die Ursache bin ich selbst! (Thomas Bernhard) :thumbsup:

      DER KRIEG IST VORBEI! (meine exsupervisorin)
      Hallo ihr Beiden,

      vielen Dank erst einmal für eure Antworten. Es tut wirklich gut ein paar Worte dazu zu lesen.

      N*rb*nmädchen schrieb:

      Mit Mitleid kannst du normal wenig anfangen. Und ich glaube auch, dass du das jetzt nicht brauchen kannst. Für mich hört sich das aber an, als hättest du zu lange versucht stark zu sein. Viel zu lange versucht einfach weiter zu machen ohne auf dich und deine Gefühle zu achten, (korrigiere mich, wenn ich falsch liege.) Gerade deine Punkte 2. und 3. im ersten Beitrag hören sich für mich an, als wenn du damit einfach ganz viel versucht hast zu überspielen.


      Ich glaube, dass Du es damit ziemlich genau getroffen hast: ich kann mit Mitleid nichts anfangen, daher wusste bis vor ca. einem Jahr auch niemand, was so in meiner Kindheit geschehen ist. Vertraut man so etwas Menschen hat, habe ich immer das Gefühl, dass sie dich anders sehen und das will ich nicht. Ich will kein Mitleid und auch keine Opferrolle. Ich will als Mensch gesehen werden und nicht als jemand, der dieses oder jenes erlebt hat, denn das haben wir alle: jeder hat seinen Rucksack mit sich zu tragen.
      Überspielen konnte ich immer schon gut, aber ich dachte eigentlich, dass ich das hinter mit gelassen habe. Vielleicht hast Du damit gar nicht so Unrecht: das Rumgehure von mir ist vor allem meine Ablenkung. Mein 'Ich muss mir den Typen aus dem Kopf schlagen', also suche ich mir einfach andere Leute und vergesse für den Moment. Dass ich danach genau so da sitze und nichts verarbeitet habe und keinen Schritt weiter gekommen bin, blende ich komplett aus. Auf der anderen Seite komme ich ohne aber eben so wenig weiter.

      N*rb*nmädchen schrieb:

      Hast du denn wirklich niemanden, wo du mal einen Moment aufgeben kannst? Einfach mal kurz nicht nur weiter machen, sondern wieder tanken?


      Ich hatte immer meinen besten Freund in der Heimat, ich nenne ihn mal B. Als ich ihm erzählt habe, dass sich mein bester Freund hier geoutet hat, ich nenne ihn mal N., war er schockiert (B.ist selbst auch schwul). Danach habe ich tagelang nichts gehört. Wir haben dann nochmal vor 1,5 Wochen telefoniert und er meint er hat gemerkt, dass es mir schlecht geht, aber auch nach dem Telefonat kam nichts. Ich bin vorgestern dann wirklich noch zusammengebrochen und habe endlos lange geheult. Ich habe in dem Zustand dann B. eine Nachricht geschrieben, dass es mir so schlecht geht, dass ich nur heule und nicht weiter weiß. Dass ich mir nach Jahren wieder mehrmals in den Arm geschnitten habe und nicht weiß, was ich machen soll. Dass ich es aber nur fair finde ihm das vor dem Urlaub zu sagen. Darauf hat er geantwortet: die 'übliche' Reaktion (das meine ich nun keineswegs abwertend): ich will nicht, dass Du das machst. Du weißt, dass das scheiße ist. Versprich mir, dass Du das nicht mehr machst, etc. Geholfe hat es nicht wirklich. Nur, dass ich nun weniger Angst vor dem Urlaub habe, was ihn und seine Reaktion angeht. Wir fliegen aber zu dritt, ich nenne sie mal S. Sie weiß bisher nichts davon und ich kann es ihr nicht sagen, weil die Reaktion dieselbe wäre und ich das nicht ertragen kann gerade.

      Worauf ich hinaus wollte, ist: ich konnte mich immer bei ihm ausweinen und fallen lassen. Er war immer da und ich kenne ihn mein halbes Leben, aber in den letzten Wochen hatte ich nicht das Gefühl, dass er für mich da ist oder überhaupt Interesse an mir hat. Auch jetzt kommt nichts von ihm. Keine Nachfrage wie es mir geht oder irgendwas. Wieder mal Stille. Es ist eben auch schwer sich fallen zu lassen, wenn der andere mehrere hundert Kilometer entfernt ist und da ist das Problem, denn mein N., mein bester Freund hier, ist ja nun mal, der in den ich mich verliebt habe und der sich geoutet hat. Das war derjenige mit dem ich reden konnte, aber wie soll ich nun mit ihm reden? Mich hinsetzen und von ihm trösten lassen ist einfach gerade keine Reaktion. Ich rede mit ihm und ich habe ihm auch gestanden, wie dreckig es mir geht und, dass ich mich geschnitten habe. Ich habe ihm das zum ersten Mal anvertraut (er hatte mich nur mal auf die Narben angesprochen, mehr nicht). Er ist auch da für mich, betont das auch immer wieder, aber dennoch kann ich nicht über alles mit ihm reden, weil ich mich einfach nicht komplett fallen lassen kann in der jetzigen Situation zwischen uns. Das alles zusammen lässt mich gerade mit einem ungemeinen Gefühl von Einsamkeit zurück, was ich so selten erfahren habe.

      ares schrieb:

      Vielleicht auch mit professioneller Hilfe?
      Ich hab aus deinen Texten jetzt nicht herausgelesen, ob du es schon mal mit einer Therapie versucht hast oder es vielleicht wieder Zeit für eine solche Unterstützung wäre. Das wäre auch ein Ort und eine Person, wo Du hin und wieder einfach mal aufgeben darfst, loslassen, und trotzdem sicher und angenommen bleibst.


      Ich habe zwei Therapien hinter mir. Die erste hatte ich damals mit 18 gemacht wegen dem Verletzen. Die zweite dann mit 23, da ich Dinge aufarbeiten wollte aus meiner Kindheit. Beide Therapien waren hilfreich. Heute nochmal eine Therapie? Ehrlich gesagt, weiß ich zum einen nicht, ob ich das noch einmal will. Zum anderen wird das bis in einem Jahr nichts, da ich zwei Wohnorte hunderte Kilometer auseinander habe und mal Monate dort und mal Monate da bin. Dieser Zustand hält auch noch eine Weile an, wie soll ich da in einer Stadt einen Therapeuten finden?
      Ich glaube dennoch, dass ich eigentlich wieder eine Therapie machen sollte. Ich habe auch schon überlegt bei der psychologischen Hilfe vom unserem Studierendenwerk zu fragen. Ich habe damals in der zweiten Therapie zu Beginn von einem Arzt eine Mutmaßung über eine Diagnose gehört - ich weiß am Ende des Tages ist es nur ein Wort. Ich bin kein Fan von Diagnosen (ist nun meine ganz persönliche Meinung). Ich habe immer Angst, dass sobald dieses Wort gefallen ist, man sich dahinein steigern kann und erst recht alles erfüllt. Zum anderen weiß ich nicht, ob mir eine Diagnose weiter hilft? Dennoch ist das hängen geblieben. Ich bin jemand, der viel refektiert, insbesondere mich selbst und mein Verhalten. Ich finde das wichtig, um sich weiterzuentwickeln und aus Fehlern Erfahrungen mitzunehmen. Daher ist mir eben aufgefallen, dass ich inzwischen erschreckend viele Verhaltensweise von eben dieser Diagnose an den Tag lege. Das ist mir bis vor kurzem auch gar nicht bewusst gewesen, sondern erst, als ich Tagebuch schrieb und es noch einmal gelesen habe. Seitdem habe ich doch mehr daran zu nagen, als ich zugeben mag.

      ares schrieb:

      Manches kann und muss man nicht alleine schaffen. und manches mal hilft positives Denken auch nicht weiter. Manches mal ist es auch wichtig, zu sagen, wenn es grad scheiße ist und dieses Gefühl auch mal sein zu lassen und sich auch damit anzunehmen. Dann kann man auch wieder aufstehen und weitermachen. Aber wenn es grade nicht anders geht, darf man auch mal liegenbleiben und sich um sich kümmern. Das ist sogar sehr wichtig und völlig ok.


      Danke. Danke. Danke. Diese Worte haben mir gerade wirklich extrem geholfen. Vielleicht muss ich tatsächlich einfach mal liegen bleiben - für einen Moment. Mal zugeben, dass es mir schlecht geht und auch mal heulen, kraftlos sein und es annehmen. Ich sage seit vielen Jahren, dass es okay ist, sich einzugestehen, dass es gerade nicht weiter geht und auch, dass es zwar nicht gut ist, aber in den Momenten nun mal da ist, dass man sich verletzt. Dennoch ist da auch ein Teil, der mir immer sagt: nein, es ist nicht okay. Aber vielleicht muss ich den Teil mal ausblenden und stehen bleiben. Es annehmen, liegen bleiben, um alles aufzukehren und dann mit neuer Kraft weiter zu machen.

      Danke für eure Worte, wirklich. Das hat mir gerade unheimlich geholfen.

      Viele Grüße
      leben.auf.anfang.
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      Immer wieder Anlauf nehmen

      Bis es klappt.