Den inneren Kritiker verstummen lassen

      Den inneren Kritiker verstummen lassen

      Hallo ihr Lieben,

      seit einiger Zeit ist mein innerer Kritiker sehr aktiv. Das ist oft phasenweise und für gewöhnlich kann ich den Gedanken auch ganz gut widerstehen. Das heißt, mein Kopf sagt mir, dass ich eine furchtbare Person bin, dass ich faul und nutzlos bin, und ich atme tief durch und denke "Nein. Das stimmt nicht.". Dann gibt es Zweifeltage. Die, an denen ich nicht weiß, ob das wirklich nicht stimmt. Die, an denen ich überlege, was das für Konsequenzen für mein Leben hat, wenn es stimmt.
      An Zweifeltagen ist es besonders anstrengend, mir zu sagen, dass diese Gedanken eben nicht stimmen. Aber auch an den anderen Tagen raubt es mir unheimlich viel Kraft, ständig aufzupassen, was ich mir glauben kann und was nicht.
      Daher meine Frage: Kennt ihr Möglichkeiten, den inneren Kritiker verstummen zu lassen? Oder zumindest leiser zu drehen? Vielleicht habt ihr ja auch bessere Ideen als ich, mit den Gedanken umzugehen. Ich bin mittlerweile gefühlt nur noch am tief durchatmen und denken "Stopp, unhappy, das sagt jetzt dein Gehirn, aber es stimmt eben nicht.".

      Liebe Grüße
      unhappy
      We will get better
      Hallo unhappy
      ich habe das Konzpt mit dem inneren Kritiker bisher nicht ganz verstanden, höre es derzeit aber öfter, und es scheint ein neuer Begriff zu sein? Hast du den selber so genannt oder ist das Konzept in der Therapie? Wie dem auch sei.... Ich möchte aber was in den Raum werfen: vielleicht hat der innere Kritiker hatte ja mal seinen Sinn gehabt, deswegen existiert er überhaupt. Ich selber versuche immer alle meine "Anteile" anzunehmen, anzuhören, niemanden auszuschließen (klappt sowieso nicht....). Vielleicht liege ich völlig falsch aber vielleicht kann man auch anders ran gehen als ihn verstummen zu lassen (wenn man mir das so sagen würde würde ich eher lauter werden). Klar, leiser drehen klingt gut und vernünftig und dass das was er jetzt sagt nicht mehr hilfreich ist ist auch vermutlich objektiv betrachtet so. Aber vielleicht muss man ihn fragen warum er da ist, was er meint, damit zu bezwecken. Ich finde innerer Kritiker ist vielleicht auch irgendwie eine Art Selbstanteil, der mal sehr wichtig war..

      Wollte ich dir da lassen weil mich das beschäftigt hat als ich den begriff jetzt mehrmals gehört habe . Vielleicht passt es auch gar nicht dann vergiss es einfach :)
      viele Grüße Graf Zahl
      hej,

      ich würde tatsächlich in eine ähnliche richtung gehen wie graf zahl: da gibt es bestimmt nicht nur den kritiker, sondern ein paar andere rollen in dir. ist ja okay, wennd er kritiker gerade "das wort hat", aber die anderen sind auch noch da und sie haben vielleicht sogar eine mehrheit. soll heißen: der kritiker darf reden, aber er alleine entscheidet nicht.

      vielleicht hilft es dir ja ein bischen zu "horchen", wer da sonst noch ist, und dafür zu sorgen, dass die auch mal zu wort kommen.

      lg
      solaine
      manchmal können wir etwas nur dadurch klären, dass wir uns dem stellen, was wir nicht wissen.
      /pina bausch/
      Hallo unhappy,

      prinzipiell möchte ich mich meinen Vorednern anschließen. Der Inere Kritiker hatte oft mal eine Funktion oder hat Argumente von anderen Menschen übernommen (zB. den Eltern). Ich denke, du brauchst zwei Arten damit umzugehen, quasi die "akute" und die "langfristige".

      Akut ist es schwer, glaube ich, ihn zu verstehen oder sich auf eine Diskussion mit ihm einzulassen, wenn man gerade nicht klar denken kann, weil man zB. unter Stress steht (bei mir kritelt der immer gerne besonders laut an mir herum, wenn ich Stress habe oder mir so wie so schon welchen mache). Da hilft wohl wirklich, was du schon tust, nämlich ihm den Mund zu verbieten.
      Vielleicht kannst du ausprobieren, dich (für den Moment) positiv von den Gedanken abzulenken.
      Wenn ich mich richtig erinnere ist das Konzept des Inneren Kritikers aus der Schematherapie (oder wird zu mindest im Rahmen dieser angewendet) und ich habe in dem Zusammenhang in der Therapie damals als Gegenstimme den "liebevollen Begleiter" etablieren solllen. Das ist verkürzt die Gegenstimme, die dich aufmuntert, dir Zuspruch, Trost usw. zu spricht und "auf deiner Seite" steht. Mir wurde empfohlen eine Figur oder ein Symbol zu nehmen (zB. den Plüschteddy, einen Schlüsselanhänger oder auch ein Fantasiewesen), das diese Aufgabe erfüllt. Damit kannst du dann deine positiven Gegengedanken "von jemand anderem" hören (ich hoffe, das ist verständlich. zB. wenn du deinen Teddy als liebevollen Begleiter aussuchst, stellst du dir vor, dass er dich tröstet oder sagt "Du bist toll. Du bist nicht dumm, denk dran, dass du xy geschafft hast" )

      Langfristig ist es wahrscheinlich sehr hilfreich, wenn du herausfindest, wer der Innere Kritiker ist, woher er seine Argumene nimmt, wann diese entstanden sind oder vielleicht hilfreich waren usw.. Häufig entstehen daraus Gegenargumente, die dir vielleicht auch kurzfristig helfen können, wenn du sie dir aufschreibst. ("Meine Mathelehrerin hat mir immer gesagt, ich bin dumm und aus mir würde nie etwas werden. Ich habe zwar in der sechsten Klasse am längsten gebraucht, die Bruchrechnung zu verstehen, aber ich bin deshalb nicht dumm und inzwischen bin ich examinierte Krankenschwester und bin gut in meinem Beruf" oder so ähnlich.)
      Diese Gegenargumente musst du versuchen dir zu verinnerlichen, also sie dir häufig sagen, auch und gerade wenn der Innere Kritiker gerade gar nicht so laut ist.

      So wie ich das verstanden habe (korrigiert mich gerne) ist das die Grundidee der Schematherapie. Also, dass du ein Glaubenssatz/eine Annahme (ein "Schema"9 verinnerlicht hast ("Ich bin dumm") und das jetzt versuchst zu überschreiben ("ich bin gut in dem, was ich mache")

      Ich hoffe, das hilft dir vielleicht ein bisschen.

      Liebe Grüße,
      Granul
      It is possible to commit no error and still lose. That is not a weakness... that is life. (Jean-Luc Picard)
      Hallo ihr,

      vielen Dank für eure Antworten!
      Den Kritiker habe ich selbst so genannt. Ich will nicht denken, dass ich es bin, die so etwas zu mir sagt. So fühlt es sich auch nicht an. Also, es ist jetzt nicht so, als würde ich Stimmen hören, die mir gemeine Dinge einflüstern, das sind schon meine Gedanken (bzw. meine Gedankenstimme, wenn ihr wisst, was ich meine), aber es fühlt sich einfach nicht an, als wären es meine Gedanken. Sie kommen einfach immer wieder, auch wenn sie gar nicht zur Situation passen oder logisch haltbar sind. Das versuche ich auch manchmal, wenn der Kritiker sagt "Du bist ein ganz schlimmer Mensch", sage ich "Warum?" und darauf kommt dann nur ein... ja weil eben. Und ich versuche dann zu sagen, ich kann gar kein ganz schlimmer Mensch sein, weil ich ja Freunde habe. Und sich sicherlich alle Leute von mir abwenden würden, wenn es so wäre. Das hilft dann kurz, und dann kommt die nächste Beleidigung.

      Woher er kommt? Vom Perfektionismus, denke ich. Wenn ich alles richtig mache, mich perfekt verhalte, biete ich keine Angriffsfläche. Dann kann mich niemand verhöhnen, beleidigen, was weiß ich. Ich wurde in der Schule gemobbt. Das ist jetzt allerdings gut zehn Jahre her. Deshalb bin ich unsicher, ob es immer noch damit zu tun hat. Ein weiterer möglicher Grund wäre, dass ich eben nur durch perfektes Verhalten Anerkennung bekomme, auf der mein Bild von mir leider ziemlich basiert.

      Granul, deine Idee des liebevollen Begleiters finde ich sehr schön. Ich hab da auch schon ein Plüschtier im Auge. Es bedarf wahrscheinlich einiger Übung, aber es ist wohl einen Versuch wert. Das schließt sich ja im Prinzip auch den Ideen von solaine und Graf Zahl an, nur eben personifiziert. Vielleicht hilft es ja.

      Danke für eure Gedankenanstöße und liebe Grüße
      unhappy
      We will get better
      Hallo unhappy,

      du schon so viele Ideen und Hinweise bekommen … hatte auch gestern vor, dir zu schreiben, aber ist irgendwie nach hinten gerutscht. Wenn in den nachfolgenden Zeilen Wiederholungen sind, dann einfach drüber weg lesen. So wie du ihn jetzt beschreibst, scheint dein Kritiker nicht ein situationsbezogener „Typ“ zu sein, sondern immer wieder auch quer reinzugrätschen.

      Eigentlich wollte ich dir noch ein paar Ansätze zum Thema „Kritiker“ einstellen, aber sie passen mehr auf konkrete Situationen. Da zu verallgemeinern ist schwierig, deine Gedanken entsprechen nicht einem „Kritiker“. Für mich hat es eher den Eindruck, als ob da sich ein „gemeines Selbstbild“ dazwischen mischt, um dich ein Stück niederzumachen. Hat dann schon etwas von „Selbstmobbing“ und damit eine mögliche Wurzel aus der Schulzeit. So nach dem Motto: du hast die Reaktionen und Äußerungen der anderen verinnerlicht.

      Könnte da auch so was wie „Selbstbestrafung“ dahinterstecken? Weil du Dinge schaffst, weil es dir im Moment gut geht?

      Und wenn 150% Perfektion das Maß deiner Dinge ist, was schon extrem ist, dann ist doch „Nicht schaffen“ oder schlimmer noch „Versagen“ schon vorprogrammiert. Gefühlt scheinst du dir selbst ein Bein zu stellen :) .

      Hast du denn schon mal für dich geschaut, was deine Stimme macht, wenn du dir nur einen Teil von z.B. 80% vornimmst? Aus meiner Logik: dann dürfte sie eigentlich nicht meckern. Nur wie fühlt sich dieser Teil von „80%“ für dich an? Kannst du das für dich akzeptieren? Kann das der andere Teil in dir (der perfekte Teil) für dich akzeptieren?

      Hier sehe ich einen Ansatz wie Graf Zahl oder Solaine geschrieben haben, dass du mal eine Konferenz“ dieser Teile machst, um zu schauen, ob da nicht eine gemeinsame Vereinbarung möglich erscheint. Quasi wie bei einem richtigen Team-Meeting. Da erreichst du auch nur ein gutes Team-Ergebnis, wenn alle Teammitglieder die gefundene Lösung mittragen. Das ist der Gedanke dahinter.

      Vielleicht kannst du damit was anfangen.
      lg Elfenspiegel
      Liebe Elfenspiegel,

      danke für deine Antwort!
      Du hast Recht, mein Kritiker ist nicht situationsbezogen. Ich lebe vor mich hin, und er sagt sowas wie "Wie kann jemand wie du nur leben?" oder "Du bist einfach nur schlimm". Nicht gerade cool.
      Ob da Selbstbestrafung hinter steckt... Vielleicht. Aber das Ding ist, auch sonst geht es mir gerade nicht besonders gut. Aber, und da hast du wieder Recht, ich schaffe Dinge. Auch, weil ich mir weniger vornehme. Mein sonst gut gefüllter Terminplan ist gerade (auch wegen der Corna-Krise) eher leer. Nur ist das auch ein Grund zum Meckern: Ich bin zu faul, ich könnte mich mehr engagieren, mehr unternehmen, die freigewordene Zeit (wie man das ja jetzt so oft liest) zur Selbstoptimierung nutzen. Dagegen spricht dann quasi die Stimme der Vernunft (oder der Therapeuten). Ich bin krank, ich schaffe nicht alles so wie früher. Und ich muss ja eigentlich auch nicht 150% geben.

      Ich versuche, das Chaos mal aufzutrennen und die verschiedenen Teile zu benennen, die gerade gegeneinander und gegen mich ankämpfen:
      Kritiker: beleidigt mich ständig ohne erkennbaren Grund. Bezieht sich darauf, dass ich als Person nicht gut genug bin. Beispielgedanke: "Du bist ein schrecklicher Mensch. Du bist faul und dumm."
      Perfektionist: für gewöhnlich auf einer Linie mit dem Kritiker. Lindnert gelegentlich: besser etwas gar nicht machen, als falsch zu machen. Bietet Futter für den Kritiker. Mehr situationsbezogen als der Kritiker. Beispielgedanke: "Eigentlich bist du ne schlechte Klavierspielerin. Sei bloß nicht stolz auf irgendwas, das darfst du nicht, weil es dafür nicht gut genug ist."
      Stimme der Vernunft: Kämpft gegen die beiden an. Verzeiht mir eigentlich alles. Versucht, die Dinge entspannt zu sehen. Beispielgedanke: "Es ist normal, dass nicht alles gut klappt. Niemand kann perfekt sein. Und wir befinden uns in einer verdammten Pandemie."

      Ich hoffe, das war jetzt nicht zu durcheinander. So sieht es in meinem Kopf aus, und der ist auch ein bisschen durcheinander. Oder ein bisschen mehr.
      Liebe Grüße
      unhappy
      We will get better

      Neu

      Liebe unhappy,
      möchte dir doch noch mal ein paar Zeilen dalassen, auch wenn sich einiges wiederholt, oder du vielleicht auch nicht gleich einen "Eins-zu-Eins-Lösungsansatz" siehst.

      Zu Granuls Beitrag „liebevoller Begleiter“ – ich hab das unter dem Stichwort „Anker“ kennengelernt. Ein Anker kann ein Gegenstand, ein Lied, ein äußeres oder inneres Bild sein, ein Text, eine ehemalige Situation, etc. Wahrscheinlich fallen dir noch viel mehr Möglichketen ein, oder du kennst jetzt schon das, was ich schrieben möchte.Wie verhalten sich dein Kritiker und sein Gehilfe, wenn du es mit Ankern versucht? Etwas so wie Granul es beschrieben hat oder in einer Variante? Meckern sie dann auch? Eigentlich können „positiv aufgeladene Anker“ sehr viel. Ich glaube „Anker“ sagen dir was.

      Anker
      Einer Freundin habe ich mal empfohlen, sich für ihre Prüfungen einen 15 cm großen Smiley zu nähen, und den bei ihren schriftlichen Prüfungen vor sich auf ihren Tisch zu legen. Und wenn dann der Druck zu groß wurde oder das flaue Gefühl im Bauch, sollte sie auf dieses lächelnde Etwas schauen, an mich denken, und dann … würde es wieder besser weitergehen. Was bei dem Anker wichtig ist: dass er positiv aufgeladen ist, dass du mit ihm was für dich sehr Positives verbindest – eine Person, ein Gefühl, eine gute Situation. Nur dann kann er seine ganze Wirkung für dich entfalten. Daher finde ich es wichtig: irgendwann mal in Ruhe, dir einen oder mehrere solcher „Anker“ auszusuchen und sie „aufzuladen“. Und dann auch auszuprobieren, ob sie für dich wirken. Und dann natürlich auch mit ihnen umgehen, in kleinen Situation und dann in größeren (schwierigeren).Einer meiner Anker ist ein Lied von Udo Lindenberg: Ich mach mein Ding. Meine Aufladung: er strahlt für mich die „Rotznase“ aus, die ich auch manchmal sein will, unbeirrt, eigener Stil, eigene Lebensgewohnheiten … und mit Herz (für mich jedenfalls). Und dann ist dieses Lied auch eine Riesenbrücke zu einer lieben Freundin, die immer zu mir hielt, das war auch ihr Lied. Das ist „Aufladung“, wenn du verstehst. Du könntest dir also eine "Unterstützung" ankern, die zu dir hält (auf deiner Seite ist) und die "anderen" etwas in Schach hält.

      Wish
      Bist du „gut“ für dich im „innere Bilder“ machen? Dann mach dir ein Bild – nein genauer 2 Bilder. Erstens ein Bild von der Situation, in der dein „Kritiker öfters in Erscheinung tritt oder den Auslöser. Und zweitens ein Bild, in der du die strahlende Siegerin warst. Male dir das zweite Bild besonders schön aus, mach es bunt, mach es leuchtend hell, verbinde Worte (die in der Situation gesagt wurden) damit, etc. Wichtig hierbei: das zweite Bild ist erst mal „nur“ ein Bild, sozusagen dissoziiert.

      Dann stell das zweite Bild „klein“ in das unerwünschte große erste Bild (Bild der unerwünschten Situation). Vielleicht kannst du dabei die Augen geschlossen halten (also auf gar keinen Fall beim Autofahren). Lasse jetzt in deiner Vorstellung das Zielbild größer und größer werden und das Auslösebild immer kleiner … bis es ganz verschwunden ist. Stell dir das Ganze wie ein Ablauf auf einer Leinwand vor.

      Am Ende lösche jetzt diese Leinwand durch z.B. das Öffnen deiner Augen. Du kannst diesen Löschprozess auch durch so einen Klang wie „Wisch“ oder „Wusch“ begleiten.

      Wiederhole diesen Wechsel von „altem Bild“ auf das „neue Bild“ etwa 5-10 mal, bis bereits die kleine Vorstellung des „Auslösebildes“ das Zielbild hervorruft.

      Um das Ganze abzurunden kannst du dir abschließend vorstellen, was z.B. deine beste Freundin zu dir sagen würde, wenn sie dich in der neuen Situation erlebt … und der „Kritiker“, wenn du es geschafft hast. Ob er dann auch noch was zu meckern hat? :)

      Reframing (abstrakt)
      Ich versuch das mal zu übersetzen: etwas eine andere Bedeutung geben (zuordnen). Für mich ist der Gedanke dahinter: manche unserer Verhaltensweisen, inneren Stimmen etc. haben ihren Sinn. Siehe auch die Beiträge von Graf Zahl, Solaine, Granul. Und manchmal waren oder sind sie auch sehr sinnvoll. Sie können schützen, bewahren, auf Ungereimtheiten hinweisen, noch fehlende Eigenschaften/Fähigkeiten, Kenntnisse hinweisen. All das erscheinen für mich sinnvolle Aufgaben eines „Kritikers“. Doch überall und in jeder Situation dazwischenquaken erscheint mir nun nicht so hilfreich. Du könntest also versuchen, dir das genauer anzuschauen.

      a) Ändern der Bedeutung
      Am besten wird das vielleicht an einem Beispiel klar.
      Situation:„Bei uns ist es oft unordentlich“
      Anders:„Schön, wenn man sieht, dass hier Menschen wohnen.“

      Mut zur Lücke ist für mich auch sowas, beinhaltet es ein bisschen was von Leichtigkeit. Die Lücke sollte aber nicht riesig sein ;)

      b) Ändern des Zusammenhangs
      In manchen Situationen ist z.B. Zweifel nicht angebracht und hilfreich. Es kann dir den letzten Kick klauen, wenn es drauf ankommt: ein Sportler im Wettkampf, du in einer Prüfung, etc. Aber es gibt sicher auch Situationen, in denen eine gewisse Vorsicht und ein nochmaliges Überdenken durchaus extrem zielführend sein können: bei großen Investitionen wie einem Hauskauf, bei einer riskanten Klettertour, etc. Hier nochmals vor der Situation alles abzuchecken macht Sinn.

      Also lautet die Devise: finde 10 Möglichkeiten, in denen der „Kritiker“ durchaus seinen Sinn macht.Was du damit erreichen kannst? Der „Kritiker“ in dir wird seiner Aufgabe gemäß gewürdigt und konzentriert sich dann auf die Situationen, in denen er wichtig und hilfreich ist. In dem Zusammenhang könnte ein Loben seiner „Arbeit“ hilfreich sein.

      Fortsetzung folgt

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      Fortsetzung

      c) Umarbeit in Schritten
      Entschuldige bitte, aber jetzt wird’s noch eine Stufe „heftiger“. Betrachte das Folgende mal wie ein Rollenspiel.

      Der erste Schritt ist einfach: du machst dir noch mal ganz in Ruhe den „Kritiker“ klar. Was will er, was genau? Wann macht er Lärm, wann meldet er sich? Genauso schaut es mit dem „Perfektionisten“ aus. Meckert der
      Kritiker vielleicht auch nur, weil er sich unbeachtet fühlt?

      Nun kommt die zweite Rolle – nämlich die „kreative“ Unhappy. Schau mal in dich, was, wie, welche neuen Möglichkeiten du findest, um die gleiche Absicht durch andere Möglichkeiten zu ersetzen. Hierbei solltest du min. 3 Möglichkeiten finden, also Geduld, vielleicht auch ein Zettel und Stift. Dann sortiere mal für dich, welches dir als die beste Möglichkeit erscheint. Ganz wichtig (wie bei allen kreativen Prozessen): schau nur,
      dass der Kritiker nicht dazwischenquatscht

      Check dann mal, ob du diese Möglichkeit mal ausprobieren könntest. Und schau auch oder frag dich: hab ich alles, was ich dazu brauche? Könnte ich mir da noch einen „Anker“ s. oben dazupacken?

      Jetzt kommt der Diskussionsteil. Sind da Einwände, und wenn ja welche? Wie kann ein Weg gefunden werden zwischen Kreativ und Einwand, um einen Lösungsweg zu finden. Usw.Tja … und dann bleibt nur noch ausprobieren. Fang bitte nicht gleich mit der Sahnetorte im Gesicht deines Gegenübers an. Vielleicht könntest du erst verbale Alternativen finden. Wie gesagt versuch das Beispiel in eine Situation zu übersetzen, wo deine beiden "Turteltauben in dir" rummeckern und rummosern.

      Jetzt noch mal zu den Gedanken, die dir die Anderen bereits geschrieben haben.

      Das „Verhandeln der inneren Teile“
      Viele Eigenschaften in uns haben mal zu ihrer Zeit etwas Gutes für uns bewirkt. (Eine meiner Grundgedanken, mit dem ich versuche durch mein Leben zu steuern, klappt nicht immer, aber ich versuch‘s ;) .

      Ich hab das Nachfolgende mal für mich unter „Begleitung“ gemacht. Ist dann evtl. ein bisschen leichter, da du dann von außen ein Feedback / Unterstützung bekommen kannst. Falls du in Therapie bist oder ab und an
      in einem „Gespräch“, vielleicht kannst du dann mal fragen.

      Du versuchst die zwei Teile (die zwei/drei wesentlichen), die sich stören oder nicht miteinander können, zu finden und für dich genauer zu charakterisieren. Kannst ihnen auch Namen oder so geben, kann helfen.

      Dann kläre wie in einem Zwiegespräch mit jedem Teil, was seine positive Absicht für dich ist. Kannst du das als „unhappy“ für dich erkennen und akzeptieren? Hier ist ein „Ja“ zwingend erforderlich.

      Ich könnte mir vorstellen, dass der „Kritiker“ mal ganz anders geredet (gedacht) hat. Nur fühlt er sich unbeachtet, also fängt er an, herum zu stänkern. Der „Perfektionist“ bekommt (wie es für mich scheint) sein Futter von dir, denn du versuchst ja alles in der Richtung. Corona hindert dich wie viele andere auch, daher ist er jetzt vielleicht auch unzufrieden. Aber um nicht in die 150%-Falle zu tappen, würde ich in einem Kompromiss mit den beiden höchstens 70-80% Leistung anbieten. Argument könnte dann ja auch gegenüber den Teilen sein: dann habe ich keine Zeit euch zuzuhören, also … entweder … oder …

      Ich hab mal gelernt, dass alle Teile in uns ihre Aufgabe für uns haben. Nur manchmal verselbständigen sie sich,
      weil sie sich nicht mehr hinreichend in uns / durch uns gewürdigt fühlen. Dieser Umstand kann aus meiner Sicht auch auftreten, wenn sich unsere Lebensumstände so weit geändert haben / wir uns geändert haben, dass der innere Kritiker arbeitslos wäre. Das schmeckt diesem aber gar nicht. Mit der Konsequenz: er versucht weiter in der einen oder anderen Weise mitzumischen.

      Hier wäre aus meiner Sicht so eine Methodik wie „Verhandlungsstrategie“ angesagt, wo die Teile in dir und du mit den einzelnen Teilen in Verhandlung trittst und du/ihr ihre Aufgaben und Beiträge für dich als Person gemeinsam herausarbeitet. Dabei wäre dann für dich zu schauen, wie du seinen (des Kritikers) Anteil für dich
      weiter als nützlich wahrnehmen kannst, ohne dass er dir dauernd dazwischenfunken muss. Dementsprechend ist dann abschließend eine „gemeinsame“ Vereinbarung zu treffen, in der er respektiert wird aber auch die anderen Anteile in dir zufrieden sind.

      Ich glaube, es ist dann im weiteren Verlauf auch wichtig, immer wieder mal einen Status-Quo zu erstellen, um ein Abdriften oder eine vielleicht erforderliche Nachkorrektur zu erkennen und eine korrigierte Vereinbarung zu formulieren.

      Wie gesagt, sind verschiedene Möglichkeiten, die du probieren kannst. Manches ist vermutlich leichter in therapeutischer Begleitung umzusetzen.

      Und bitte nicht böse sein, falls es zu viel und über dein Ziel zu sehr hinaus ist.
      Lg Elfenspiegel

      Neu

      Liebe unhappy,
      bin wohl gestern etwas über das Ziel hinausgeschossen und hab zu tief in meiner „Kiste“ gegraben. Deshalb will ich gerade den letzten Ansatz mit einem Beispiel von mir beschreiben, denn der ist nicht so einfach wie er vielleicht klingt.

      Hab mir mal in einer ähnlichen Situation 4 Kissen mit unterschiedlicher Farbe genommen, jedes Kissen stellte dabei ein Teil in mir dar. Da war „die K=Kreative“, die „E = Emotionale“, die „S = Sparsame (Geizige?)“ und die „R = Rationale“. Ich in meiner Person war nur (!) M = die Moderatorin.

      Die K hatte etwas in einem Geschäft als Deko gesehen und war sofort davon begeistert. Könnte man selbst machen. Die E war begeistert und gleich in dieselbe Kerbe argumentiert: das macht Spaß. Die R listete die erforderlichen Werkzeuge auf und war schon bei der Umsetzung. Die S dagegen, bei der klingelte gleich die Kasse wegen der Investitionen für Material und neues Werkzeug. Die E gab den Spaß und die Anerkennung von anderen für das Resultat. Die S hatte Angst wegen der hohen Kosten, sie erinnerte an „früher“. Die Kreative fühlte sich gleich wieder gebremst: da hat man mal eine Idee, schon meckert ihr. Die R dagegen dachte nur an die Machbarkeit – wie und womit, wie immer.

      Und so weiter, so ging es in mir hin und her. Die größte Schwierigkeit dabei war für mich, mich in meinen Gedanken nicht selbst zu „kontrollieren“ und zu kritisieren. Hab mich öfters dabei ertappt. Dann hieß es: ein Schritt zurück und von da aus noch mal weitermachen.

      Hab so eine ¾ Stunde auf dem Boden gesessen, die Kissen um mich herum, und hab hin und her gedacht. Dann hatte K eine ergänzende Idee: wir versuchen mit bestehenden Materialien „das Teelicht“ zu basteln. Dann sparen wir. S war sofort auf ihrer Linie, Sparen klang gut. Aber R wies auf die Schwierigkeiten der Machbarkeit, die fehlenden Werkzeuge und das fehlende Knowhow hin. E meldete sich dann auch, sprach von Spaß bei der Umsetzung, zeigte auch Zweifel, aber stellte sich gleich vor, was die Anderen von außen dazu wohl sagen würden. Letztendlich siegte bei ihr auch die Freude auf das zu erwartende Ergebnis. Dann kam R um die Ecke und sagte, dass ohne Hilfe von außen, Werkzeug z.B. es nicht geht – es fehlt einfach. S ließ sich dann von R überzeugen, dass die kleinere Investition für ein Werkzeug vertretbar sei. Sie fanden einen Laden, der eine preiswerte Alternative anbot, sicher kein Werkzeug für die Ewigkeit, aber es sollte für die Realisierung reichen.

      Mein Part als Moderatorin war dann gegen Schluss zu schauen, ob da alle Teile mit dem Vorgehen und der Realisierung einverstanden waren. „Wir“ sind gemeinsam noch mal die Schritte der Umsetzung durchgegangen und haben geschaut, ob da noch irgendwelche Zweifel oder Fragen offen waren. R verwies nur noch mal auf die Zeit und die räumliche Notwendigkeit, die für die Umsetzung erforderlich sein würde. Ich (M) versprach, diesen Punkt nochmals außen (mit Männe und einem kleinen Platz in seinem Keller) abzuklären.

      K
      und E waren schon gleich voll begeistert auf das Ergebnis.

      Ergänzung von M: mal sehen, ob es so gelingt? Ich hoffe mich hat niemand beobachtet, wie ich mit 4 Kissen auf dem Boden saß und diskutiert habe :)

      So ... und jetzt wieder an die Arbeit.
      Lg Elfenspiegel

      Neu

      Liebe Elfenspiegel,

      danke für deine ausführliche Antwort inklusive Beispiel! Das Beispiel fand ich sehr hilfreich.
      Ich brauche noch einen Moment, um mich durch deine Vorschläge durchzuarbeiten. Ich werde wohl vor allem die Stimme der Vernunft stärken müssen, das könnte durch einen Anker ja ganz gut hinhauen. Aber wie gesagt, mit den anderen Vorschlägen beschäftige ich mich auch noch, ich wollte nur nicht, dass dein langer Post hier so unbeantwortet stehen bleibt.

      Liebe Grüße
      unhappy
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