Covid19, Isolation und die Schuld

      Covid19, Isolation und die Schuld

      Hey ihr,
      wie der Titel schon sagt geht es um covid-19 falls es hier nicht passend ist, bitte verschieben.

      Ich arbeite im sozialpädagogischen Bereich mit vielen Familien und natürlich auch mit deren Kindern. Im Alltag mit den Kindern tragen wir keine Maske ,ansonsten habe ich mich an alle Regeln gehalten. Dennoch ist mein gestriger Corona Test positiv ausgefallen, sodass ich mich jetzt in Isolation befinde. Die Sache mit der Isolation der Einsamkeit das kriege ich alles irgendwie hin...

      Aber die Sache mit der Schuld nicht, denn wegen mir müssen jetzt alle Familien und alle meine Kollegen ebenfalls in Quarantäne und das über Weihnachten ;(
      ich fühle mich so schrecklich schuldig, so schrecklich verantwortlich .ich weiß gar nicht mehr wie ich meine Schuld gut machen soll oder wie ich meinen Mitmenschen noch jemals unter die Augen treten soll. das ist jetzt alles natürlich eine Extremsituation ja das ist mir bewusst aber dennoch komme ich mit dieser massiven schuld und dieser massiven Scham nicht zurecht vielleicht hat jemand Ideen...

      Eine verzweifelte Scivias
      Hallo Scivias,
      da du im sozialpädagogischen Bereich arbeitest, ist es für mich ganz normal, dass du für deine Arbeit mit vielen Menschen in Kontakt kommst. Gleiches gilt für Lehrer/Innen, Pflegekräfte in sozialen Einrichtungen und in den Krankenhäusern etc. etc. Nun hast du dich irgendwo infiziert und ich finde es gut, dass bei diesem Wissen aus Verantwortung für alle deine Kollegen/innen, Freunde und Bekannte, Familie die Quarantäne angeordnet ist. Damit soll ja im weitesten Sinn eine Kette von Infektionen möglichst früh erkannt und deren Ausbreitung verhindert werden.

      Nun bist du der Startpunkt deiner Kette(????), aber weißt du letztendlich, wo du dich angesteckt hast? Denn letztendlich muss dich ja eine Person infiziert haben, bevor du positiv getestet wurdest. Das Virus fällt ja nicht einfach so vom Himmel. Wenn also diese Person von ihrer Infektion wusste und dann dennoch Kontakt zu dir hatte, so ist sie für mich in größerer Form für die aktuellen Konsequenzen verantwortlich.

      Ich kann natürlich nachempfinden, dass du dich nicht gerade gut im Moment fühlst. Aber sieh das mal so: möchtest du, dass deine Bekannten die Infektion weiter verbreiten. Doch ganz sicher nicht. Also ist die Schutzquarantäne der einzig richtige Schritt, und ich wünschte mir, all die betroffenen Personen nehmen den Sachverhalt ernst und halten sich daran. Denn Leichtsinn und sogar Ignoranz wären aus meiner Sicht die größten Fehler, die gemacht werden können.

      Und ich dreh jetzt mal die Sache um. Was wäre denn, wenn ein Kollege oder ein Elternteil der Kinder die Quelle waren? Wie würdest du diese Person sehen? Würdest du sie verurteilen, weil sie dich infiziert hat. Und wenn sie von der Infektion nichts wusste, wie könnte sie da bis auf die angeordneten Schutzmaßnahmen denn sonst reagieren? Das ist eben das Tückische dieses Infektes. Man sieht ihn nicht. Auch Infizierte ohne Symptome gibt es viele, also wer war der oder die erste in der Kette?

      Aber um dir eine Möglichkeit des Handelns zu geben: wie wäre es, wenn du allen Personen eine Email schreibst mit z.B. einem schönen Bild darin und dein Bedauern über die Situation ausdrückst. Dass du mit allen von ganzem Herzen verbunden bist und dir für dich und Sie nichts Wesentlicheres wünschst, dass alle diese Situation gut und vor allem gesund überstehen. Das Zeichen kannst du setzen, annehmen müssen es die anderen.

      Ist es nicht eine unserer größten Tugenden menschlich miteinander umzugehen, und dem/der anderen die Hand zu reichen?

      Bildlich versteht sich hier jetzt. ;)
      Lg Elfenspiegel

      PS: Solltest du religiös sein, so zünde eine Kerze an und bete für alle, dass sie gesund bleiben oder wieder werden.
      Hallo,
      danke für deine Antwort. Dass ich mich in Isolation befinde und alles das ist für dich okay und dass die anderen in Quarantäne sind verstehe ich auch und damit habe ich halt auch grundsätzlich keine Probleme.
      Es geht mir nicht darum, dass ich es nicht kognitiv verstehe, es geht mir um das Innere Schuldgefühl, dass sie eben in Quarantäne sind wegen mir dass sie eben sich an Weihnachten nicht so verhalten können wie sie wollen - wegen mir.Das ist es was an mir nagt. Infektionsschutz et cetera verstehe ich alles das ist nicht das Schlimme.

      Wo ich mich angesteckt habe kann ich absolut nicht sagen da ich im öffentlichen Raum immer Maske trage zumeist sogar meine ffp2 Maske.
      das Gesundheitsamt hat auch gar nicht danach gefragt, wo ich mich potentiell angesteckt habe, es hat auch nicht nach meinen Kontaktpersonen gefragt - das habe ich alles selber regeln dürfen. Es kann natürlich halt auch sein dass es eins meiner Zwerge hatte, weil die Kinder werden in der Regel ja nicht getestet, sodass es natürlich auch sein kann dass Kinder in die Einrichtung kommen die asymptomatisch sind aber positiv. Letztendlich ist es aber auch müßig das rauszusuchen, wie gesagt dass Gesundheitsamt hatte da auch kein Interesse mehr dran, weil die es glaube ich auch nicht mehr nachvollziehen können.

      Anderen gegenüber bin ich durchaus barmherziger als mir selbst gegenüber... ich würde niemanden die Schuld dafür geben derjenige kann da ja nichts für. Es sei denn natürlich, ich wüsste von dieser Person, dass sie Masken verweigert und Dinge tut die nicht Corona regelkonform sind.
      Aber grundsätzlich würde ich dafür niemanden die Schuld geben. Letztendlich wissen die Familien ja nicht wer aus unserem Team positiv ist von daher werde ich da auch keine E-Mail schreiben. Ich habe das bei meinen Kollegen getan, habe mich bei meinen Kolleginnen gestern schon entschuldigt, weil die natürlich wissen von wem es kommt ,wobei alle meine Kollegen absolut solidarisch reagiert haben und mich alle gefragt haben ob ich irgendetwas brauche. Was schon sehr lieb war.

      Und natürlich entzünde ich bei den Fürbitten Kerzen und schließe alle in meine Gebete mit ein.

      LG, Scivias
      hej scivias,

      vorab, ich bin nicht religiös und evtl. kann dir meine sichtweise dann auch nicht so viel helfen. ich wollte deinen beitrag aber nicht so stehen lassen.

      ich finde ganz grundsätzlich und überall das konzept der "schuld" weder zielführend noch hilfreich. allerdings hilft dir das sicher nicht, wenn für dich "schuld" eine rolle spielt. mir ist das zu sehr "ungreifbares", das vor allem dafür sorgt, dass menschen sich diffus schlecht fühlen. inwiefern das irgendwen weiterbringt, verstehe ich nicht.

      ich frage mich: hast du einen fehler gemacht? und das kann ich aus deinen schilderungen klar mit "nein" beantworten. du trägst maske, du handelst verantwortungsvoll, du hast sofort reagiert, als dir dein testergebnis bekannt wurde.

      ich habe auch das gefühl, dass du die bedeutung für dich auf die anderen überträgst. in meinem gesamten bekanntenkreis ist allen bewusst, dass man sich seit märz halt im dümmsten fall infizieren kann, und dass das auch zu ungünstigen zeitpunkten kommen kann und eben quarantäne bedeutet. niemand würde da jetzt anfangen herumzusuchen, wer "schuld" hat. vielleicht hilft dir auch ein wenig, wenn du dir klar machst, dass deine befürchtung, wie die anderen das sehen, aus deinen gefühlen kommt - sowohl aus deiner traurigkeit darüber, weihnachten in quarantäne zu sein als auch aus deinem ohnmachtsgefühl, dass du das nicht hast ändern können, auch mit korrektem und umsichtigen verhalten nicht.
      ich persönlich finde, dass man mit trauer- oder ohnmachtsgefühlen schonmal besser und vor allem konkreter umgehen kann als mit diesem diffusen gefühl von "schuld".

      bei schlechten gefühlen, egal woher sie rühren, hilft mir: sobald sie kommen, die schleife bewusst stoppen und unterbrechen, indem ich neutrale und positive gedanken dagegen setze.

      "ich habe verantwortungsvoll gehandelt".
      "ich tue alles, was ich kann, um den schaden zu begrenzen".
      "ich war immer vorsichtig mit meinen kontakten".
      "ich habe genug getan."
      "ich bin gut genug."
      "meine liebsten menschen stehen zu mir."

      etc.

      da ich selbst nicht christlich bin, versteh ich auch das aufladen von "weihnachten" nicht so genau; für mich ist "leute an weihnachten nicht sehen" genauso schlimm oder nicht schlimm wie leute sonst nicht sehen. vielleicht sind auch nicht alle von dir betreuten familien christlich, dann hat das für sie eventuell auch nicht die gleiche bedeutung wie jetzt für dich. wenn es für dich wichtig ist, an weihnachten mit bestimmten menschen zusammen zu sein: kannst du das vielleicht digital lösen? ihr trinkt zusammen einen glühwein, aber eben am laptop?

      keine ahnung, ob da jetzt irgendwas hilfreiches dabei war - ich schicke es dir trotzdem. zusammen mit viel verständnis und empathie dafür, wie es dir geht, und guten gedanken.
      lg
      solaine
      "But isn't that life for us all? Trusting to luck?"
      "You can always try to give luck a helping hand", she said.

      //william boyd//

      Hallo Solsine,

      danke für deine Antwort. du hast sicherlich recht Schuld ist sehr diffus und Schuld und Vergebung - das sind sehr aufgeladene Themen... Dabei hat mir aber auch schon eine Pfarrerin geholfen, das für mich zu klären. Deine Idee mit dem Ansatz des Ohnmachtsgefühl zu finde ich sehr gut und ich glaube das ist auch sehr sehr treffend für mich dass ich mich einfach ohnmächtig fühle, dass ich nichts für diese Menschen gerade tun kann, dass ich nicht helfen kann. weil ich ihnen einfach gerne in dieser Situation der Quarantäne beistehen würde und das obwohl ich selber in Isolation bin...

      Heute geht es mir wesentlich besser und diese stops die du benennst ja die gibt es bei mir auch und ich habe mich im Konzept der radikalen Akzeptanz geübt und das funktioniert heute schon wesentlich besser.

      Es stimmt, Weihnachten ist viel zu überladen und hat häufig nichts mit dem christlichen Ursprung zu tun sondern ist mehr ein aufgezwungenes Familienfest... ich selber hätte Weihnachten eh alleine verbracht da von vornherein klar war, dass ich aufgrund meines Risiko Jobs nicht mit der Familie feiern kann . Was für mich nicht schlecht ist, da ich mich mehr auf den Ursprung besinnen kann und dort auch viel spirituelle Unterstützung erfahre.
      Aber den Ansatz mit der Ohnmachtsgefühl den finde ich sehr gut,da denke ich noch mal weiter drüber nach! danke schön!

      LG, Scivias